How nice möchte man wie eine najve Amitouristen angesichts dieser Aufzâhlung ausrufen. Aber das wäre unangebracht für „mein Mann“ und am Ende fehlt das kaum zu übersehende Mahnmal für Rosa Luxemburg im Geländer der Potsdamer Brücke noch vor dem Karlsbad. Schade, hätte „nice“ sein kömnen, ist aber weder neu noch originell niich informativ und die Mein-Mann-Masche macht alles auch nucht lustiger.
23.8.2026 von Jeannette Hagen - Dieser Spaziergang ist eine Reise durch Berlins Kunst im öffentlichen Raum – von der Gedächtniskirche bis zum Weltkugelbrunnen. Jedes Werk regt zum Schauen, Streiten und Nachdenken an.
Sich als Tourist in der eigenen Stadt zu fühlen, ist ein schöner Vorsatz, um in diese 10.000-Schritte-Tour zu starten. Wir beginnen unseren „Kunst im öffentlichen Raum“-Spaziergang im Epizentrum des „alten Westberlins“, am Breitscheidplatz. Da unsere Runde hier auch wieder enden wird, wählen wir zunächst aus, womit wir beginnen, denn die Auswahl an Werken ist groß.
Eines will ich noch vorausschicken: Wer in die Frage eintaucht, was als Kunst zu betrachten ist, der kann ganz schnell in einem Rabbit Hole enden. Da tauchen Namen wie Adolf Loos auf, der sich sicher war, dass nur „das Grabmal und das Denkmal“ im öffentlichen Raum zur Kunst zählen sollten. Ornamente an Gebäuden dagegen nicht.
Man könnte den gesamten Spaziergang über diese Ansicht reflektieren, das haben Theoretiker auch getan, und hier sei erwähnt, dass Loos diese Ansicht aus einer rassistischen Haltung heraus gewonnen hat. So klug seine Gedanken auf der einen Seite waren, so abscheulich war ihre Herleitung.
Trotzdem beschäftigt uns die Frage beim Anblick des „Goldenen Riss“, der die Stufen von der Nordseite der Gedächtniskirche bis zum Boden entlangführt und an die Opfer des Terroranschlags vom 19. Dezember 2016 erinnert. Wir einigen uns darauf, dass der Kunstgeschmack immer auch eine Frage der Deutungshoheit ist, dass man über Kunst trefflich streiten kann und am Ende jeder selbst entscheiden soll.
Kunstwerke 10.000 Schritte City West
Der „Goldene Riss“ erinnert an die Opfer des Terroranschlags vom 19. Dezember 2016. © Jeannette Hagen
Mit dieser Gelassenheit ausgestattet gehen wir an der „Berlin-Uhr“, der ersten Uhr der Welt, die nach dem Mengenprinzip arbeitet, vorbei. Dann wechseln wir die Straßenseite, um den Ammonitenbrunnen, das Elefantentor und die Keramikreliefs am Erweiterungsbau des Aquariums zu bestaunen, und folgen der Budapester Straße Richtung Katharina-Heinroth-Ufer.
Vor dem „InterContinental Berlin“ gibt es einen kleinen Weg, in den wir einbiegen, denn hier befindet sich, so sagt mein Mann, die „schönste Fenster-Fassade Berlins“. Nun soll ja Architektur angeblich keine Kunst sein, aber allein der Weg ist wohltuend, man riecht und hört, dass der Zoo direkt angrenzt, und es ist angenehm schattig.
Zu erwähnen sei noch, dass auf der gegenüberliegenden Seite der Budapester Straße, etwas verloren im Straßengewimmel, eine große Bronzeplastik Alexander von Humboldts steht. Denkmäler dieser Art werden uns noch häufiger begegnen, sie gehören zum Stadtbild, manchmal wirken sie wie aus der Zeit gefallen und erinnern daran, dass auch Geschichte und wie man sie würdigt, eine Frage von Deutungshoheit und Macht ist.
Am Katharina-Heinroth-Ufer angekommen, geht es rechts entlang zurück zur Budapester Straße, dann links über den Kanal und auf der anderen Straßenseite in die Rauchstraße. Wer möchte, kann vorher noch einen Schlenker machen und sich die Stadtvillen an der Rauchstraße anschauen, die im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 entstanden sind.
Wir verschieben diesen Besuch auf ein anderes Mal und tauchen stattdessen entlang der Rauchstraße in die Kunstwelt der Botschaften ein. Diesen kleinen Straßenabschnitt teilen sich die Nordischen, die Botschaft der Arabischen Republik Syrien und die Embajada de México en Alemania.
Diese Tour erinnert an das Pilzesammeln
Das Kunstwerk „Change of Direction“ von Maria Miesenberger vor den Nordischen Botschaften ragt wie große Schaukeln in die Höhe und erinnert mich an Freiheit und Spiel, während die goldenen Flügel vor der Mexikanischen Botschaft zu einem Foto einladen.
Wir überqueren die Klingelhöferstraße Richtung Tiergartenstraße. Hier schaut uns ein ernst dreinblickender Konrad Adenauer an. Ein paar Meter weiter auf der Tiergartenseite folgen auf Sockeln stehend oder sitzend Richard Wagner, und ein bisschen im Grünen versteckt das Standbild des Prinzen Wilhelm von Preußen. Wer mehr Denkmäler aus dieser Zeit sehen will, kann einen kleinen Umweg in den Tiergarten einbauen. Dort sind Wilhelms Eltern, König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, verewigt.
Wir lassen das aus, richten unseren Blick nach rechts, wo im Vorgarten der Türkischen Botschaft eine Metallkugel auf einem Sockel steht, die bei genauerer Betrachtung aus einzelnen Vögeln zusammengesetzt ist. Ein paar Meter weiter zeigt uns die Landesvertretung Baden-Württembergs ein in Bronze gegossenes Kunstwerk mit dem Titel „Wegzeichen 3A“.
Kunstwerke 10.000 Schritte City West
Das „Wegzeichen 3A“ lässt viel Raum für Interpretationen. © Jeannette Hagen
Die Skulptur des Künstlers Otto Herbert Hajek lädt zum Raten ein: Was bedeutet 3A? Was bedeuten die einzelnen Elemente? Was symbolisiert das Kunstwerk insgesamt? Fragen, auf die wohl jeder eine andere Antwort hat.
Aber es macht Spaß, diesen Fragen im wahrsten Sinne des Wortes nachzugehen. Und so, wie man bei Suchen von Pilzen irgendwann den ominösen „Pilzblick“ entwickelt, tauchen bei diesem Spaziergang plötzlich Kunstwerke auf, die man im Alltag oft übersieht oder eben einfach ignoriert.
Ich weiß nicht, wie viele Male ich schon an der Philharmonie gestanden habe, die Zeit, mir in Ruhe anzuschauen, welche Kunstwerke sie umgeben, habe ich mir bis zu diesem Spaziergang nie genommen. Dabei ist gerade dieser Abschnitt zwischen Tiergartenstraße, Potsdamer Straße, Reichpietschufer und Schöneberger Ufer eine wahre Fundgrube für Kunst im öffentlichen Raum. Aber schön der Reihe nach.
Kunstwerke 10.000 Schritte City West
„Berliner Junction“ ist eine Skulptur aus Corten-Stahl. © Jeannette Hagen
Wir stehen am „Berliner Junction“ des Künstlers Richard Serra und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, als ich tatsächlich zum ersten Mal durch die Skulptur aus Corten-Stahl gehe. Und auch hier: Meine Interpretation ist geprägt von der Angst vor Enge, andere sehen einen Durchgang oder eine Art, wie Ströme geleitet werden.
Von der Tiergartenstraße aus links neben der Plastik befindet sich eine in den Boden eingelassene Bronzeplatte, die an die Opfer der „Aktion T4“ der Nationalsozialisten erinnert. Ich bin dankbar für solche Orte des Gedenkens, denn sie führen uns immer wieder vor Augen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, und mahnen uns, so etwas nie wieder zuzulassen.
Von dieser Stelle aus gesehen hinter der Philharmonie gibt es zwei weitere Kunstwerke, große freistehende Plastiken des 1950 mit dem Kunstpreis der Stadt Berlin ausgezeichneten Künstlers Bernhard Heiliger. Wir überqueren den Scharoun- und den Matthäuskirchplatz, gehen vorbei an dem dreiteiligen Objekt aus grünem Marmor, an dem Reliefporträt Dietrich Bonhoeffers, das sich links neben dem Eingangsportal der Matthäuskirche befindet.
Ein besonderer Ort der Inspiration
Von hier aus sieht man schon einige der großen Kunstwerke, die rund um die Nationalgalerie platziert sind, und natürlich lohnt es sich, die Treppen hochzusteigen, jedes einzelne anzuschauen und von oben einen Blick in den Skulpturengarten zu werfen.
Was mich hier besonders freut, ist, dass um die Galerie herum nicht nur Skulpturen stehen, sondern dass viele junge Menschen den schönen Tag, den glatten Boden vor der Nationalgalerie und den Spiegeleffekt der Scheiben nutzen, um ihrerseits Kunst zu produzieren. Ob nun als Tänzer, Sängerin, Gesangsgruppe oder Breakdancer – ein äußerst inspirierender Ort.
Bei uns stellt sich langsam das typische touristische Gefühl ein, das kommt, wenn man viel gesehen, viel aufgenommen hat, allerdings sind wir noch nicht am Ziel − und Berlin hat wirklich unglaublich viel Kunst im öffentlichen Raum zu bieten. Wer noch viel Energie hat, überquert jetzt die Potsdamer Straße und geht durch das „Tor auf dem Karlsbad“ in den Park am Karlsbad.
Mein Mann und ich nehmen uns vor, nachzulesen, ob hier tatsächlich mal ein Bad war, oder ob der Name eher eine Städtepartnerschaft zu Karlsbad würdigt. Sie müssen nicht nachschauen: Es gab ein Bad, das als „Chmelicksches Bad“ erstmals 1820 im „Adreßkalender für Berlin und Potsdam“ erwähnt wurde. Im Park selbst steht noch die sehr schöne Bronzeplastik „Der Schreitende“, geschaffen von Richard Scheibe.
Weiter geht es nun wieder zurück in die andere Richtung, entlang des Schöneberger Ufers vorbei am Haus, das den Verein Berliner Künstler beheimatet, wo natürlich Kunst im Vorgarten auch nicht fehlen darf. Unser nächstes Ziel ist der Lützowplatz, der ähnlich dem Raum um die Nationalgalerie fast wie ein kleines Freiluftmuseum ist.
Kunstwerke 10.000 Schritte City West
Passt zu diesen Zeiten: Konrad Adenauer schaut auf seinem Denkmal ernst drein. © Jeannette Hagen
Hier reiht sich Denkmal an moderne Kunst, Götter teilen sich die kleine Grünanlage mit Menschengruppen aus Bronze. Wir umrunden den Platz und überqueren dann noch einmal die Klingelhöferstraße, um der Skulptur von Walter Lübcke, die das Zentrum für Politische Schönheit neben die CDU-Zentrale gesetzt hat, einen Besuch abzustatten.
Von dort schlendern wir erst die Schillstraße, dann bis zum nächsten Kunstwerk die Straße an der Urania entlang. Hier steht der „Arc de 124,5°“, geschaffen von dem französischen Bildhauer Bernar Venet. Ein Kunstwerk, das lange der Verwahrlosung preisgegeben war und – da waren wir uns einig – an dieser Stelle einfach deplatziert ist.
Deutlich passender positioniert dagegen ist eines der letzten Werke unserer 10.000-Schritte-Kunsttour: die sich annähernden, gigantischen Stahlrohre von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. „Berlin“ steht auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße und ist anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins entstanden.
Vorbei an dem Leuchtobelisk von Heinz Mack, der wahrscheinlich von den wenigsten Passanten als Kunstobjekt wahrgenommen wird, geht es zurück zum Breitscheidplatz. Hier setzen wir uns für einen Moment an den Wasserklops, bevor wir uns all die kleinen, auf dem Platz verstreuten Werke anschauen, die zum Weltkugelbrunnen gehören. Fazit dieser Tour: Kunst bereichert, es gibt mehr Kunstwerke im öffentlichen Raum, als man im Alltag wahrnimmt. Und vor allem: Vielleicht sollten wir öfter wertschätzen, dass es sie gibt.