Gentrifizierung o.k. aber jetzt ist eine Mische bedroht, die sich Gewerbetreibende und Anwohner der Torstraße geschaffen haben. Politik kann im Kapitalismus immer nur einer Menderheit dienen, der mächtigsten, am bedten vernetzten oder der lautesten. Um die Mehrheit der einfachen Menschen geht es in Berlin-Mitte schon lange nicht mehr, denn die wurden nach dem Einbruch des Kapitalismus ab 1990 aus dem Stadtzentrum vertrieben.
9.6.2026 von Enno Kramer - Umsatzeinbrüche und Dauerbaustelle: Aus Sorge vor den Folgen des Umbaus der Torstraße wenden sich Gastronomen und Gewerbetreibende nun direkt an die Politik.
Straßenumbauten haben in Berlin einen schwierigen Stand. Sowohl die Neugestaltung der Bergmannstraße als auch die inzwischen geradezu chronischen Umbaumaßnahmen der Friedrichstraße haben bei vielen Berlinerinnen und Berlinern Spuren hinterlassen. Wo in Kreuzberg ursprünglich eine „Begegnungszone“ entstehen sollte, wurde eher ein Spießrutenlauf geschaffen, sobald man die Straße überqueren möchte. Und wo in Mitte die Verkehrswende sichtbar werden sollte, herrschte nach dem Umbau lange Stillstand.
Nun bangen Gastronomen und Gewerbetreibende, dass es der sonst so lebendigen Torstraße ähnlich ergehen könnte. In einem Offenen Brief, der dieser Zeitung vorliegt, wenden diese sich angesichts der geplanten Umbaumaßnahmen mit „großer Sorge“ an die Politik und Verwaltung: „Die Torstraße darf nicht zum nächsten Berliner Baustellen-Opfer werden“, heißt es in der Überschrift.
Vom Berliner Treffpunkt zur Dauerbaustelle?
Was sich über Jahre hinweg organisch zu einer Ausgehmeile, Food-Meile und einem Treffpunkt für Berlinerinnen, Berliner und Gäste aus aller Welt entwickelt habe, stehe nun vor einer ungewissen Zukunft. „Uns erfüllt die aktuelle Planung mit großer Angst“, schreiben die Gastronomen und Gewerbetreibenden. Über 50 Betriebe zwischen Chausseestraße und Rosenthaler Platz haben sich der Initiative „Torstraße beleben“ angeschlossen – darunter die Brasserie Torbar, das Sanbuena, die Flatmakers und das Café St Oberholz.
„Wir haben den Eindruck, dass über die Zukunft der Straße entschieden wird, ohne die Menschen einzubeziehen, die täglich hier arbeiten, investieren und Verantwortung tragen“, schreiben Simon Bühler von der Brasserie Torbar und Tom Wagner vom San Buena & Flatmakers im Namen der Unternehmerinnen und Unternehmer.
Es habe weder eine Beteiligung des Gewerbes noch belastbare Gespräche über die Auswirkungen der Umbaumaßnahmen gegeben. Auch Antworten auf „existenzielle Fragen“ der betroffenen Betriebe seien ausgeblieben. Allein im Abschnitt zwischen Rosenthaler Platz und Chausseestraße stünden nun rund 250 Arbeitsplätze akut auf dem Spiel, schätzen die Gewerbetreibenden.
Während viele Betriebe bereits jetzt darüber nachdenken müssten, Personaleinstellungen zu stoppen, Verträge zu befristen oder sogar Schließungen vorzubereiten, richte sich die Sorge weniger gegen die Veränderung an sich: „Unsere größte Sorge ist, dass die Torstraße zur nächsten Berliner Dauerbaustelle wird.“ Ohne konkrete Beispiele zu nennen, verweisen die Initiatoren auf „zahlreiche Berliner Straßen, die durch langjährige, schlecht koordinierte Baustellen und fehlende Kommunikation massiv an Attraktivität und Lebensqualität verloren haben“.
Sorge vor Umsatzeinbrüchen und Schließungen
Die konkrete Sorge der Gewerbetreibenden und Gastronomen: „Gäste bleiben weg, Umsätze brechen ein, Betriebe schließen.“ Selbst nach Fertigstellung würde es oft Jahre dauern, bis sich eine Straße wirtschaftlich wieder erholt – „wenn überhaupt“. Nach Corona, Inflation, Energiekrise und stetig steigenden Kosten könnten sich viele Betriebe eine weitere mehrjährige Belastung nicht mehr leisten.
Geplant ist auf dem rund zwei Kilometer langen Abschnitt zwischen Karl-Liebknecht-Straße und Chausseestraße ein Großprojekt. In fünf Jahren Bauzeit – aufgeteilt in zwei Teilabschnitte – soll die Torstraße nicht einfach „modernisiert“ werden, sondern zu einer neu aufgeteilten Stadtstraße mit stärkerem Fokus auf Rad- und Fußverkehr werden. Durchgängige Radverkehrsanlagen, verbreiterte Gehwege sowie Lieferzonen und Haltebereiche für Gewerbe sind geplant. Parkplätze sollen reduziert werden und teilweise entfallen.
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Auch der Rosenthaler Platz ist unmittelbar von den geplanten Umbaumaßnahmen betroffen. © Depositphotos/imago
Für die Gewerbetreibenden und Gastronomen steht vor allem eine Frage im Raum: „Warum wird eine funktionierende, lebendige Straße ohne ausreichende Einbindung der Betroffenen umgebaut?“ Ein Blick auf Städte wie Paris, Wien, Kopenhagen oder Zürich zeige, dass es nicht nur auf „schöne Straßenräume“ ankomme. „Wir sehen Städte, die Lebensqualität ganzheitlich denken. Dort werden Aufenthaltsqualität, Wirtschaft, Gastronomie, Kultur, Mobilität und die Bedürfnisse der Anwohner gemeinsam betrachtet.“
Den Initiatoren des Briefes geht es dabei nicht um die reine Blockade einer Weiterentwicklung der Torstraße: „Wir sind gegen eine Planung, die die Menschen ignoriert, die diese Straße und Stadt zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Wir wünschen uns ein starkes, lebendiges und attraktives Berlin.“
Um das zu erreichen, stellen die Gewerbetreibenden fünf Forderungen: „eine verlässliche Planungssicherheit, echte Beteiligung des Gewerbes, unbürokratische Ausweich- und Ersatzflächen, wirtschaftliche Absicherung und die Einrichtung eines Torstraßen-Round-Table, an dem sowohl die Gewerbetreibenden und Anwohner als auch Senatsverwaltung, Stadtplaner, Bezirksamt und der Bürgermeister teilnehmen sollen“.
Für die Autoren des Briefes ist klar: „Die Politik muss verstehen: Eine lebenswerte Stadt entsteht nicht allein auf dem Reißbrett in einem schönen Büro mit Ausblick. Sie entsteht durch die Menschen, die sie jeden Tag mit Leben füllen.“