27.1.2026 von Harald Neuber - Warum die westlichen Analysen zu Venezuela zu kurz greifen – und was Trump wirklich will. Eine Analyse und eine Warnung an Europa.
Die Bilder gingen um die Welt: Mehr als 150 US-Kampfflugzeuge im venezolanischen Luftraum, Delta-Force-Kommandos, die den Präsidenten eines souveränen Staates aus seinem Schlafzimmer zerren, ein Staatsoberhaupt in Handschellen auf dem Weg nach Brooklyn. Was in der Nacht zum 3. Januar 2026 geschah, war keine Polizeiaktion. Es war der Auftakt zu etwas Größerem.
Doch viele westliche Beobachter scheinen die Dimension der aktuellen Ereignisse nicht zu begreifen.
Die bequeme These
In den Tagen nach der Operation dominierten zwei Erklärungen die Analyse-Spalten: Erstens sei dies eine reine Machtdemonstration gewesen, ein Signal an die Welt, dass Donald Trump handelt, wo andere reden. Zweitens gehe es um Öl – Venezuela besitzt die größten nachgewiesenen Reserven der Welt, und US-amerikanische Konzerne stehen bereit.
Beides stimmt. Und beides greift viel zu kurz.
Denn wer nur auf die Oberfläche schaut, übersieht die tektonischen Verschiebungen darunter. Die Frage ist nicht, ob Trump Stärke zeigen wollte. Die Frage ist: Wozu?
Die Rückkehr der Hemisphären
Um zu verstehen, was in Venezuela begonnen hat, muss man 200 Jahre zurückblicken. Am 2. Dezember 1823 verkündete Präsident James Monroe vor dem Kongress eine Doktrin, die die Welt in Einflusszonen teilte: Europa den Europäern, Amerika den Amerikanern – wobei mit „Amerikanern" vor allem die Vereinigten Staaten gemeint waren.
Die Monroe-Doktrin war das ideologische Fundament für ein Jahrhundert US-amerikanischer Interventionen südlich des Rio Grande. Sie legitimierte den Sturz von Regierungen, die Installation von Diktatoren, die Kontrolle über Ressourcen und Handelswege. Dann kam der Kalte Krieg, dann die Globalisierung, dann schien diese Epoche vorbei. Doch nun ist sie zurück.
Trump selbst hat es ausgesprochen, mit der ihm eigenen Mischung aus Prahlerei und Programmatik. Es gehe um eine „neue Donroe-Doktrin". Und seine Nationale Sicherheitsstrategie von 2025 macht es offiziell: Die USA beanspruchen die uneingeschränkte Vorherrschaft in der „westlichen Hemisphäre". Externe Mächte – China, Russland, Iran – sollen aus der Region verdrängt werden.
Was aber gehört zu dieser Hemisphäre? Geografisch ist die Sache klar: Nord- und Südamerika, die Karibik. Politisch wird es komplizierter. Gehört Grönland dazu, das Trump seit Jahren begehrt? Gehört Europa dazu, das wirtschaftlich und militärisch von den USA abhängig ist? Gehört die Ukraine dazu, deren Überleben von US-amerikanischen Waffen abhängt?
Die Antwort der Trump-Regierung scheint zu sein: Es gehört dazu, was wir kontrollieren wollen.
Hinter der Hemisphären-Rhetorik verbirgt sich ein größeres Projekt. Es geht nicht nur um Einfluss. Es geht um Unabhängigkeit – eine Unabhängigkeit, die nur in einem Szenario wirklich Sinn ergibt.
Betrachten wir die Puzzleteile: Die USA sichern sich Zugriff auf venezolanisches Öl, das bisher nach China und Indien floss. Sie erwägen eine Seeblockade gegen Kuba, um die Insel von jeder externen Versorgung abzuschneiden. Sie drohen Kolumbien und Mexiko mit Konsequenzen. Sie bauen ihre Militärpräsenz in der Karibik aus.
All das ergibt ein Muster: Die Vereinigten Staaten von Amerika bereiten sich darauf vor, ohne den Rest der Welt auszukommen. Energie, Rohstoffe, strategische Tiefe – alles soll aus der eigenen Hemisphäre kommen.
Die Frage, die sich aufdrängt: Warum?
Eine mögliche Antwort ist unangenehm. Wer sich autark macht, bereitet sich auf eine Situation vor, in der globale Lieferketten zusammenbrechen. Wer seine Nachbarn unterwirft, schafft sich einen Puffer für den Fall, dass anderswo Krieg ausbricht. Wer externe Mächte aus seiner Region verdrängt, will sicherstellen, dass der nächste große Konflikt nicht auf eigenem Territorium ausgetragen wird.
Ist das Paranoia? Vielleicht. Ist es Planung? Möglicherweise. Ist es beides? Wahrscheinlich.
Der Mann hinter dem Kurs
Doch die geopolitische Großstrategie erklärt nicht alles. Sie erklärt nicht die Intensität, mit der die US-Regierung gegen Venezuela vorgeht. Sie erklärt nicht die offenen Drohungen gegen Kuba. Sie erklärt nicht, warum ein Außenminister, der gleichzeitig Nationaler Sicherheitsberater ist, persönlich die Pressekonferenz in Mar-a-Lago dominiert.
Um das zu verstehen, muss man einen Mann verstehen: Marco Rubio.
Rubio wurde 1971 in Miami geboren, als Sohn kubanischer Einwanderer. Seine Eltern verließen Kuba 1956, also noch vor Fidel Castros Revolution. Aber sein Großvater Pedro Víctor García floh 1962, nach dem Sieg der Kommunisten. Die Geschichten, die Rubio als Kind hörte, handelten von Enteignung, Verfolgung, Flucht.
Für die kubanische Exilgemeinde in Florida ist der Sturz des Regierung Castro keine außenpolitische Frage. Es ist eine Familienangelegenheit. Ein unerledigtes Trauma. Eine offene Wunde.
Rubio hat daraus eine politische Karriere gemacht. Als Senator wetterte er jahrelang gegen Maduro, gegen die Castros, gegen jeden, der mit Havanna Geschäfte machte. Er co-sponsorte Gesetze zur Demokratisierung Venezuelas. Er drängte auf härtere Sanktionen. Er nannte Kuba einen „staatlichen Terrorunterstützer".
Jetzt ist er Außenminister. Und er hat Zugang zum mächtigsten Militär der Welt.
Das eigentliche Ziel
Die Festnahme Maduros war spektakulär. Aber sie war nicht das Endziel. Sie war ein Mittel.
Venezuela unter Maduro war Kubas wichtigster Verbündeter. Havanna erhielt subventioniertes Öl aus Caracas, oft umsonst oder zu Spottpreisen. Kubanische Sicherheitsberater schützten Maduro, kubanische Geheimdienstler überwachten seine Regierung. Die beiden politischen Führungen waren symbiotisch verbunden. Diese Verbindung ist jetzt gekappt.
Trump hat es selbst gesagt: „Kuba bekommt kein venezolanisches Öl mehr. Null." Die Insel, die ohnehin unter Stromausfällen und Versorgungsengpässen leidet, verliert ihre letzte verlässliche Energiequelle. Die Wirtschaft, die bereits am Boden liegt, wird weiter stranguliert. Und das ist erst der Anfang.
Politico berichtete vergangene Woche, dass die US-Regierunf eine vollständige Seeblockade Kubas erwägt. Kein Öl, von niemandem. Nicht aus Venezuela, nicht aus Mexiko, nicht aus Russland. Nichts.
„Energie ist der Würgegriff, um das Regime zu töten", zitierte das Magazin eine Person aus dem Umfeld der Regierung. Der Sturz der regierenden Kommunistischen Partei Kubas sei „zu hundert Prozent ein Ereignis für 2026".
Rubio selbst hat es angedeutet, mit der ihm eigenen Mischung aus Drohung und Vorfreude: „Wenn ich in Havanna in der Regierung säße, wäre ich besorgt."
Die Logik der Eskalation
Was wir erleben, ist eine Eskalationslogik, die sich selbst nährt. Venezuela war der erste Dominostein. Kuba soll der nächste sein. Und dann?
Trump hat bereits Kolumbien und Mexiko ins Visier genommen. Er beschuldigt den kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro, „Kokainmühlen" zu betreiben. Er wirft der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum vor, Kartelle zu dulden. Die Rhetorik ist dieselbe wie bei Venezuela: Drogenhandel, Bedrohung der nationalen Sicherheit, Notwendigkeit zum Handeln.
Die Brookings Institution, nicht gerade ein Hort linker Alarmisten, hat es auf den Punkt gebracht: Die Operation in Venezuela zeigt die „außergewöhnlich breite Autorität", die moderne US-Präsidenten beim Einsatz militärischer Gewalt beanspruchen. Und sie zeigt, wie wenig internationale Institutionen dagegen ausrichten können.
Der UN-Sicherheitsrat? Die USA haben ein Veto. Der Internationale Gerichtshof? Washington erkennt seine Zuständigkeit nicht an. Der Internationale Strafgerichtshof? Hat keine Jurisdiktion über US-Bürger bei Angriffskriegen.
Das Völkerrecht, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg bestand, wird gerade demontiert. Nicht von außen. Von seinem Architekten, den USA selbst.
Was kommt
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Trump-Führung ihren Kurs durchhält. Eine vollständige Seeblockade Kubas wäre ein Akt, der selbst hartgesottene Falken in Washington nervös macht. Die humanitären Folgen wären katastrophal. Die diplomatischen Kosten enorm. Die Parallelen zur Kubakrise von 1962 unübersehbar.
Aber die Logik, die Trump und Rubio antreibt, ist nicht die Logik der Kosten-Nutzen-Analyse. Es ist die Logik des Triumphes. Der Vollendung. Der Rache.
Für Trump geht es um ein Vermächtnis: der Präsident, der Amerika wieder groß machte, der die westliche Hemisphäre unterwarf, der tat, was seine Vorgänger nicht wagten.
Für Rubio geht es um mehr. Es geht um die Geschichten seines Großvaters. Um die Träume einer Exilgemeinde. Um ein Trauma, das nie überwunden wurde. Castro ist tot. Aber der Castroismus lebt. Noch.
Ein Wort, das niemand ausspricht
Es gibt ein Wort für das, was die USA in Lateinamerika tun. Ein Wort, das in Washington niemand benutzt, das in den Analysen der Denkfabriken nicht vorkommt, das in den Pressekonferenzen sorgfältig vermieden wird. Das Wort heißt: Kolonialkrieg.
Ein Krieg nicht um Verteidigung, sondern um Kontrolle. Nicht um Bedrohungsabwehr, sondern um Ressourcenzugang. Nicht um Demokratie, sondern um Dominanz.
Die USA haben Venezuela militärisch angegriffen, seinen Präsidenten entführt, seine Ölreserven beschlagnahmt und eine Marionettenregierung installiert. Sie erwägen, Kuba auszuhungern. Sie drohen Kolumbien und Mexiko.
Das ist keine Außenpolitik. Das ist klassischer Imperialismus.
Und er hat gerade neu begonnen.