Das neoliverale Dogma sorgt für die Zerstörung öffentlicher Einrichtungen der Daseinsvorsorge und verursacht absurd hohe Kosten, die nur von den noch absurderen Kriegskosten überboten werden.
Deutsche Eisenbahn und Berliner Notfallrettung wurden durch Privatisierung ins Versagen „reformiert“. Die „Rettung“ darf nun als Profitmaschine von Privatkonzernen einen Zusatzhubschrauber anschaffen, der im Grunde nicht benötigt wird. Dass er an einem Ort stationiert wird, an dem sein Lärm.Menschdn krank macht, ist da fast schon eine Nebensache. Das „Gesundheitssystem“ zeigt sich von seiner wahren Seite.
„Gesundheit“ ist ein Kampfbegriff wie die „Freiheit“ der Liberalen. Beide werden gezielt eingesetzt, um Ausbeutung und Profitmacherei parasitärer Eliten auf Kosten der Allgemeinheit zu verschleiern.
29.8.2024 von Birgit Walter - Braucht ein Kranker in Buch den Notarzt, kommt kein Rettungswagen, sondern der Hubschrauber. Das verschleudert Kassenbeiträge, macht Krach und bringt Anwohner in Rage.
Wenn es einer Bewohnerin im Altenheim am Rosengarten in Berlin-Buch schlecht geht und ein Notarzt gebraucht wird, fliegt er im Hubschrauber„ Christoph 100“ herbei. Vorher sperren Polizeiautos die Straßen ab, ein Rettungswagen mit Blaulicht rast heran, falls die Patientin ins Krankenhaus muss. Dann landet „Christoph 100“, der Notarzt steigt aus, verabreicht ein Medikament und fliegt zurück ins Helios-Klinikum Buch, etwa einen Kilometer Luftlinie. Das Helios mit Notaufnahmestation und 1000 Betten ist vielleicht drei Autominuten entfernt vom Altenheim. Aber der nächste Notarzteinsatzwagen (NEF) ist erst in Bernau oder Weißensee stationiert. Er würde für elf bis zwölf Kilometer 16 Minuten brauchen, ohne Stau. Aber Buch hat ja den Hubschrauber.
Das passiert tatsächlich? In Buch schwebt der Arzt aus der Luft heran, weil es im Umkreis keinen Notarztwagen gibt? Wer will das glauben? Solchen ökologischen und ökonomischen Wahnsinn hält man gemeinhin für unmöglich, ein Versehen, einen Einzelfall. Nein – er ist die Regel.
Berlin betreibt 26 Notarztwagen und hält es nicht für nötig, einen in der 18.000 Einwohner zählenden Region Buch zu stationieren? Weil dort „Christoph 100“ kommt? Der befördert zu 97 Prozent Ärzte, nur ausnahmsweise Patienten. Verantwortlich für alles: die Berliner Feuerwehr, die Innensenatorin, die Verkehrssenatorin, die Obere Luftfahrtbehörde, das Helios-Krankenhaus, die Deutsche Luftrettung DRF.
Alle gemeinsam haben diesen 10-Millionen-Euro-Flugplatz samt Hangar mitten in ein dicht besiedeltes Wohngebiet gesetzt. Seit Januar fliegt „Christoph 100“, stolz verkündet sein Betreiber DRF, dass er bis Juli auf 1969 Flugbewegungen kam. Flüge, die es vorher nicht brauchte.
Berlin-Buch: Bürger am Rande des Wahnsinns wegen des Heli-Lärms
Manche Bürger geraten dabei an den Rand des Wahnsinns. Sie schicken Protestbriefe an die zuständigen Behörden, beklagen unzulässige Flugrouten, zu nah, zu niedrig, zu laut, des Nachts. Die bleiben genauso erfolglos wie die Widerspruchsschreiben, die sie vor der Errichtung des Flugplatzes an die Obere Luftfahrtbehörde schickten. Die beschied ihnen kaltschnäuzig: Der Lärm – die offiziellen Berechnungen reichen bei Anwohnern bis zu 96 Dezibel – sei zumutbar. Zwischen den Flügen gebe es schließlich Ruhepausen. Für verpasste TV-Sendungen möge man das Internet nutzen.
Besonders nah dran wohnen Bürger aus der Goethestraße in Panketal, direkt an der Landesgrenze Berlin-Brandenburg. Seit 2006 leben sie hier mit dem Dachlandeplatz am Helios, 240-mal im Jahr hören sie einen Hubschrauber, wenn er Patienten bringt und wieder abhebt, auch störend, auch sehr laut. Niemals hat sich einer beschwert, Rettung muss sein. Aber nun wurde direkt daneben noch zusätzlich der ständige Hubschrauber installiert, ein Ärzte-Shuttle, bis zu 4000 Flugbewegungen im Jahr sind avisiert. Wenn der morgens vor sechs Uhr die Rotoren anschmeißt, stehen Anwohner aufrecht in ihren Betten.
Der Witwer Herbert Hoffmann, 80, wohnt am nächsten dran, aus ihm spricht pure Verzweiflung: „Es knallt infernalisch, wenn das Ungetüm im Rückwärtssteilflug abhebt. Da beben die Scheiben, wackeln die Äste, einige sind direkt abgebrochen. Mir nutzen auch keine anderen Flugrouten, so direkt an der Lärmquelle. Es ist einfach nicht auszuhalten.“ Die Behörde erkennt nicht mal einen Grund für Schallschutzfenster.
Von solchen Nebensachen war keine Rede, als im Mai der neue Landeplatz im Helios-Klinikum Buch feierlich eröffnet wurde. Da fiel der Satz: „Ich bin dankbar, dass wir mit dem Hubschrauber Lärm produzieren und auch Fehleinsätze! Oder hat jemand eine bessere Idee?“ So sprach Krystian Pracz, Chef der Luftrettung DRF, die auch Christoph 100 betreibt. Pracz bedauerte den Lärm nicht, im Gegenteil, provokant wollte er klingen, selbstbewusst, als gebe es keine Alternative zum „Lebensretter“ und seinem Krach.
Dabei hätte es solcher Abwehr gar nicht bedurft auf dieser Stehparty mit Blaskapelle, Häppchen und Sonntagsreden. Hier waren nur Gleichgesinnte unter sich. Der Branddirektor der Feuerwehr, der Geschäftsführer der Helios-Region, der Innenstaatssekretär des Senats, alle lobten einander inständig dafür, dass es mit den Hubschraubereinsätzen immer nur in eine Richtung gehe: rückwärts nimmer, vorwärts immer. Als sei jeder zusätzliche Flug eine Errungenschaft.
Anwohner waren nicht geladen. Die Krankenkassen, die für den Hubschrauber zahlen sollen, aber kein Mitspracherecht haben, blieben der Eröffnung bewusst fern. Mehr noch, sie weigern sich zu zahlen, denn sie bestreiten grundsätzlich die Notwendigkeit eines dritten ständigen Rettungsfliegers.
Die Argumente: Die beiden vorhandenen in Steglitz und Marzahn seien völlig ausreichend für Berlin, ihre Einsätze sogar seit Jahren rückläufig. Vor allem ist ein Hubschrauber im Vergleich zur Bodenrettung exorbitant teuer. Landungen in der Großstadt machen aufwändige Straßensperrungen nötig, binden eine Menge Polizei-Kapazität. Zudem liege den Kassen nicht mal eine Bedarfsermittlung vor.
„Christoph 100“: Die Krankenkassen gehen in den Rechtsstreit
Für die sechs Millionen Euro, die allein „Christoph 100“ jedes Jahr kostet, könnten allein sechs zusätzliche Rettungswagen unterhalten werden. Das Fluggerät ist besonders teuer, weil es über eine Seilwinde verfügt, wie sonst allenfalls im Gebirge nötig. In Berlin wurde nie ein Fall notiert, bei dem eine Seilwinde gebraucht worden wäre. Schön, nun gibt es sie. Aber dafür wird zusätzlich neben Pilot, Arzt und Sanitäter auch ein Techniker vorgehalten, 16 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. „Christoph 100“ hebt mit vier Personen ab.
Wegen dieser hohen Ausgaben gehen die Krankenkassen in den Rechtsstreit: Eine Minute Luftrettung kostet 150 Euro, da werden dem Beitragszahler schnell 3000 bis 4000 Euro pro Flug in Rechnung gestellt. Für eine Bodenrettung mit Notarzt dagegen gibt es Pauschalen von 361 Euro. Ein Hubschrauber darf nur fliegen, wenn kein Notarztwagen verfügbar ist. Im Raum Buch ist das offensichtlich die Regel.
Einige Anwohner verfolgten die Landeplatz-Einweihung abends am Bildschirm. Der RBB feierte in Hofberichterstattung „Christoph 100“ als Fortschritt, erwähnte kurz die Bürgeranliegen und endete mit der Einschätzung: „Der Hubschrauber muss jetzt los, nach Eiche. Lebensrettung geht vor Ruhe!“
Dieser Satz bringt Anwohner in Panketal und Buch noch Monate später in Rage, als sie sich im August treffen, um einen Verein gegen Fluglärm zu gründen: Als würden hier Menschen, die seit 18 Jahren nahe dem Dachlandeplatz wohnen, Lebensrettung torpedieren. Nein! Aber sie wehren sich dagegen, dass nun vor Bucher Altenheimen, im Schlosspark und sonst im Umkreis weniger Minuten ständig der Hubschrauber kreist.
Warschauer Brücke: Der Hubschrauber landet, der Patient ist weg
Sie verfolgen die Flüge mit Apps wie Flightware, die ab einer gewissen Höhe alles dokumentieren, darunter viele Kurzstrecken von Christoph 100. Am 14. August zum Beispiel startet und landet er 24 Mal, bleibt im Laufe des Tages zweimal für eine Minute in der Luft, zweimal für vier und einmal für fünf Minuten. Wozu? Welche Leben werden da wohl gerettet worden sein?
Manche Einsätze haben Bürger selbst beobachtet und erzählen sie sich. Ein Kind in der Kita bricht sich den Arm, der Rettungswagen kommt, der Arzt fliegt heran, gibt ein Schmerzmittel und startet wieder. Oder: Der Heli kreist über der Kreuzung in Karow, kann nicht landen, aber ein Rettungssanitäter hat der Dame längst aufgeholfen, sie läuft wieder. Der Heli dreht ab. Einmal ist die Warschauer Brücke das Ziel. Es geht durch die Presse, wie dort alles abgesperrt wird, ein Rettungswagen mit Blaulicht eintrifft, später „Christoph 100“ landet – und der vermeintliche Patient längst auf und davon ist. Er hatte wohl nur ein Schläfchen gemacht. 150 Euro die Minute der Einsatz.
Wie viele Leben tatsächlich gerettet und wie viele Bagatell-Einsätze im Verhältnis zu ihnen geflogen werden, dokumentiert die Feuerwehr nicht. Aber immerhin die Zahl von Fehleinsätzen. Allein am Standort Steglitz waren 2023 ein Drittel aller Rettungsflüge Fehleinsätze. Natürlich können die immer passieren, das liegt in der Natur der Sache, weil der Arzt erst vor Ort tatsächlich eine Diagnose stellen kann.
Aber in Berlin sind sie Teil einer beispiellosen Dysfunktionalität der Notfallrettung, über die die Berliner Zeitung seit Jahren berichtet. 1000 bis 1400 Rettungsdiensteinsätze gibt es pro Tag, überlastete Rettungskräfte jagen mit Martinshorn auch zu Nagelbettentzündungen, Schnittwunden, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen. Und das sind nur Bagatell-Notrufe, dazu kommen jährlich 20.000 Fehleinsätze am Boden.
Im letzten Dezember herrschte an 25 von 31 Tagen Ausnahmezustand im Rettungsdienst, sodass womöglich lebensbedrohliche Fälle wie Sturz, Infarkt und Schlaganfall mit längeren Wartezeiten rechnen mussten. Keinesfalls schafft da ein zusätzlicher Hubschrauber Sicherheit, wie es DRF-Chef Pracz gern propagiert, sondern allein ein gut funktionierendes Rettungsdienstgesetz. Die zuständige SPD-Innensenatorin Iris Spranger, seit 2021 im Amt, rief die Bürger schon mal auf, bei Bauchschmerzen nicht gleich die 112 zu rufen, um Bagatellfälle einzudämmen. Bis Jahresende hat sie endlich ein neues Rettungsdienstgesetz in Aussicht gestellt.
Bürger von Buch und Panketal zweifeln bei ihrer Vereinsgründung, dass es ihnen nützt. „Christoph 100“ muss schließlich Geld verdienen. Das Helios hatte sich für die Ausschreibung begeistert beworben, um den Hangar auf Klinikgelände zu bauen und zu vermieten – in 100 Meter Entfernung von Kinderkrebsstation und Wohnhäusern. Es ist schließlich ein gewinnorientiertes Unternehmen.
Bei Anwohnern herrscht also nicht nur Optimismus. Eine Familie aus der Goethestraße hat schon aufgegeben und zieht weg. Ein Nachbar, dessen Widerspruch abgeschmettert wurde, sagt: „Die Luftfahrtbehörde begann schon alles mit einer Lüge: Auf ihrem Genehmigungsantrag waren 460 Meter Mindestabstand zu Wohngebäuden verzeichnet, obwohl er nur 100 bis 170 Meter beträgt. Was soll man von so einer Behörde halten? Die dann noch beteuert, unsere Lärmbefürchtungen seien unbegründet. Alles Verstöße gegen demokratische Regeln. Leben wir denn in einer Bananenrepublik?“ Nach Bürgerprotesten korrigierte die Behörde die Zahl, bedauerte nichts.
Verdacht auf missbräuchlichen Einsatz von „Christoph 100“
Zunehmend sind auch Anwohner aus Buch aufgescheucht, die über den Landeplatz nie informiert worden waren, nicht mal Widerspruch einlegen konnten, jetzt aber ständigen Überflügen ausgesetzt sind. Eine Bucher Juristin listet in einem Schreiben an den Senat seitenlang Verstöße bei der Genehmigung des Flugplatzes auf, mahnt Überschreitungen von Lärmgrenzen an, Umweltverstöße, unterlegt mit juristischen Aktenzeichen. Sie verlangt vom Senat, den Verdacht auf missbräuchlichen Einsatz von „Christoph 100“ zu untersuchen. Der neue Verein debattiert, wie eine Klage aussehen müsste, die nicht Rettungseinsätze verhindert, sondern ihren Missbrauch.
Berliner Richter haben schon ganz andere Unternehmungen torpediert. Zum Beispiel Baumaßnahmen in Marzahn, wo für 60 Millionen Euro ein Cleantech Business Park mit 400 Arbeitsplätzen errichtet werden sollte. Sie stoppten das Vorhaben gerade für Jahre. Allerdings ging es da auch um was, um den Schutz der Wechselkröte. In Berlin-Buch geht es nur um Menschen und ihre Gesundheit.
Transparenz-Hinweis: Die Autorin wohnt selbst in Panketal, aber nicht in der Nähe des Flugplatzes. Doch der Hubschrauberlärm beeinträchtigt große Teile der Gemeinde.