• Die Arbeitsgruppe XVII (Besucherbüro West-Berlin)
    http://www.runde-ecke-leipzig.de/sammlung/pop_zusatz.php?w=w00017

    Der ständig anwachsende Strom von Flüchtlingen aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) über die noch offene Grenze in Berlin veranlasste die Staatsführung der DDR zur Ergreifung drastischer Maßnahmen. In der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 wurden die Grenzen in und um Berlin vollständig abgeriegelt. Der Bau des so genannten „antifaschistischen Schutzwalls“ unterband jegliche Form von Kommunikation zwischen dem Ostteil der Stadt und den Westsektoren.

    Für West-Berliner bestand zudem seit 1962 praktisch keine Möglichkeit mehr, in die DDR zu reisen. Nun waren sie auch nicht einmal mehr in der Lage, in den Ostteil von Berlin zu gelangen. Die ersten Kontaktaufnahmen zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt nach dem Bau der Mauer wurden durch die so genannten „Passierscheinabkommen“ wieder möglich. Sie erlaubten ab Ende 1963 befristet den „Einwohnern von Berlin-West den Besuch bei ihren Verwandten in Berlin (Ost), in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“, mit Passierscheinen. Zur Ausgabe der Passierscheine wurden eigens in den West-Berliner Bezirken 12 Büros eingerichtet, in denen Angestellte der Ost-Berliner Post Anträge entgegennahmen und Passierscheine ausgaben. Die Bearbeitung der Anträge erfolgte aber in Berlin-Ost. Die Passierscheinregelung konnte in den folgenden drei Jahren erneuert werden, scheiterte aber 1966 an den erhöhten Ansprüchen der DDR. Nur die Passierscheinstelle für dringende Familienangelegenheiten (Härtestelle) konnte ihre Arbeit bis zum Ende der DDR fortsetzen.

    Den Aufgabenbereich der Annahme von Anträgen bzw. der Ausgabe von Passierscheinen zur Einreise nach Ost-Berlin, übernahm später die Arbeitsgruppe XVII (AG XVII Besucherbüro West-Berlin) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die von 1972 bis 1989 dem Stellvertreterbereich von Generaloberst Rudi Mittig unterstellt und seit Sommer 1989 dem Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit Generalleutnant Gerhard Neiber zugeordnet war. Sie hatte ihren Dienstsitz in Berlin-Hohenschönhausen und war für die inhaltliche, materiell-technische, finanzielle sowie personelle Sicherung der Arbeit jener Besucherbüros der DDR in West-Berlin („Passierscheinbüros“) zuständig. In ihren fünf Büros bzw. Genehmigungsstellen konnten Westberliner Bürger laut den geltenden Verordnungen Berechtigungsscheine für die ein- oder mehrmalige Einreise in die DDR beantragen und abholen. Weiterhin leistete die Diensteinheit Abwehrarbeit zur Sicherung der Tätigkeit der Mitarbeiter in den Büros für Besuchs- und Reiseangelegenheiten. Für die einzelnen Aufgaben und Bereiche waren innerhalb der AG XVII fünf Abteilungen zuständig, die u.a. eng mit der Hauptabteilung VI (Passkontrolle, Tourismus, Interhotel) des MfS und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) / Abteilung West-Berlin zusammenarbeiteten, Vorkommnisse in den Büros und Fahrstrecken klärten, die Dienstobjekte sicherten und den Transport- und Kurierdienst von und zu den Büros realisierten sowie die Versorgung bzw. das Kraftfahrzeugwesen organisierten.

    Zum Aufgabenbereich der AG XVII gehörte aber auch die Führung von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) und die Arbeit mit Offizieren im besonderen Einsatz (OibE).

    Die AG XVII in Berlin hatte 308 Mitarbeiter (Stand: 1989).

    #DDR #Westberlin #Passierscheinstelle #Geschichte

  • Eigenes Liniennetz in Berlin: Hier fuhren die Busse der Stasi-Mitarbeiter
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/eigenes-liniennetz--hier-fuhren-die-busse-der-stasi-mitarbeiter--32

    20.7.2019 Von Andreas Förster - Während die Ost-Berliner an den BVB-Haltestellen auf volle Fahrzeuge warteten, leistete sich die Stasi einen eigenen Berufslinienverkehr. 50 Busse brachten die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes zur Arbeit und wieder zurück. Sogar in West-Berlin gab es Haltestellen.

    Im Herbst 1989 wurden in Ost-Berlins Mitte mal wieder Gleise der Straßenbahn repariert. Ein Schienenersatzverkehr mit Bussen war eingerichtet worden. Mit den üblichen Folgen: überfüllte und verspätete Busse, schimpfende Berliner an den Haltestellen. An der Kreuzung Moll-/Hans-Beimler-Straße (heute Otto-Braun-Straße) kochte dabei die Volksseele besonders hoch, spielte sich dort doch allmorgendlich zur gleichen Zeit dasselbe Schauspiel ab.

    Nur wenige Meter neben der überfüllten SEV-Haltestelle hielt ein fast leerer Ikarus-Bus mit verhängten Scheiben. Die wenigen dort zusteigenden Männer und Frauen hatten sich zuvor schon auf dem Gehweg auffallend separiert von der ungeduldigen Menge, die auf den Ersatzbus der Berliner Verkehrsbetriebe (BVB) wartete. Dass die in den geheimnisvollen Bus einsteigenden Fahrgäste dem Fahrer keine Fahrkarte zeigten, sondern ihm einen Klappausweis hinhielten, steigerte noch die Wut der Wartenden. Denn mit solchen Klappausweisen, das wusste jeder in der DDR, waren die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes ausgerüstet.

    Im Stasiunterlagenarchiv kann man jetzt die mehr als zweitausend Seiten umfassenden Akten über ein weitgehend unbekanntes Kapitel des MfS einsehen – den sogenannten Berufslinienverkehr des Geheimdienstes. Als Berufslinienverkehr (BLV) definierte die Stasi „alle Beförderungen von Mitarbeitern (einschließlich Angehörige mit Kleinkindern)…, die mit KOM (Kraftomnibussen – d.Red.) des MfS planmäßig zu festgelegten Zeiten auf festgelegten Strecken von und zum Dienst zu bestimmten Dienstobjekten und zurück durchgeführt werden“.

    Stasi-Mitarbeiter wurden bereits in den 60er-Jahren mit Bussen transportiert

    Auf zuletzt 50 Linien mit einer Streckennetzlänge von insgesamt mehr als 1500 Kilometern verkehrten die in Ungarn produzierten Ikarus-Busse der Stasi jeden Werktag im Ostberliner Stadtgebiet und darüber hinaus. Erkennen konnte man Mielkes Busflotte an einem postkartengroßen Pappschild, das hinter der Windschutzscheibe angebracht war und die Aufschrift trug: „Berechtigungsschein KOM-Linie G“.

    Die ausschließlich im Berufs- und Feierabendverkehr fahrenden G-Busse, die es auch in anderen Bezirksstädten der DDR gab, waren ebenso bekannt wie verhasst. Hatte man ihre Existenz allerdings lange Zeit noch zähneknirschend und mit der Faust in der Tasche hingenommen, änderte sich das im Laufe des Jahres 1989 mit der zunehmenden Verbitterung über die Zustände in der DDR spürbar.

    Darüber beklagte sich Anfang November 1989 auch ein hochrangiger Offizier der Stasi-Hauptabteilung Personenschutz, deren Mitarbeiter damals täglich an der oben erwähnten Haltestelle in Mitte angefeindet wurden. „Die Leute sehen, dass unsere Busse nur mit teilweise wenigen Genossen besetzt sind, zum anderen bekommt man mit, dass beim Einsteigen der Dienstausweis gezeigt und somit erkannt wird, um welche Busse es sich dabei handelt“, schrieb Oberstleutnant Laufer in einem Vermerk und klagte: „Es fallen dabei abwegige Bemerkungen.“ Sein Vorschlag: Entweder die SEV-Haltestelle verlegen oder den Haltepunkt der Stasi-Busse.

    Bereits in den 60er-Jahren hatten einzelne Stasi-Abteilungen damit begonnen, ihre Mitarbeiter mit eigenen Bussen zu ausgewählten Dienstobjekten zu transportieren. Die Fahrtziele lagen dabei meist außerhalb der Stadt. Aber statt einen Shuttleservice von der letzten S-Bahn-Station einzurichten, wollte das MfS den eigenen Genossen offenbar eine zu große Volksnähe in den stets überfüllten Bussen und Bahnen der BVB im Berufsverkehr ersparen.

    Stasi-Busse absolvierten jeden Werktag insgesamt 150 Fahrten

    Deshalb wurden die Tschekisten bereits an ausgewählten Haltepunkten in der Stadt eingesammelt. Diese Haltestellen befanden sich meist in der Nähe zentraler Wohnobjekte des Dienstes – etwa in Johannisthal, am Leninplatz (heute Platz der Vereinten Nationen), im Lichtenberger Hans-Loch-Viertel und am Tierpark sowie in den Neubaugebieten in Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf.

    Die 1970 einsetzenden Bestrebungen im MfS, den BLV zu zentralisieren und eine Art diensteigenen Busbetrieb einzurichten, scheiterte bis zum Ende der Stasi am Widerstand der beteiligten Hauptabteilungen, die den Berufsverkehr ihrer Mitarbeiter lieber in eigener Regie fortführen wollten. Selbst der Vorschlag, die Busse könnten doch Angehörige mehrerer Diensteinheiten befördern, wenn deren Fahrtziel – wie etwa der Ort Gosen bei Berlin, wo es Dienst- und Ausbildungsobjekte mehrerer Abteilungen gab – das gleiche ist, stieß auf taube Ohren. Jede Abteilung wollte ihre eigene Linie für sich behalten.

    Einer Aufstellung aus dem Februar 1986 zufolge betrieben zu dieser Zeit ein Dutzend Stasi-Abteilungen insgesamt 50 Buslinien in Berlin und Umgebung. Eingesetzt waren überwiegend Ikarus-Busse der Typ-reihen 256 (Reisebus) und 280 (dreiachsiger Zuggelenkbus). In Einzelfällen verkehrten auch Kleinbusse vom Typ Barkas. Jeden Werktag absolvierten die Stasi-Busse insgesamt 150 Fahrten. Wie viele Mitarbeiter sie dabei transportierten, darüber gibt es keine Angaben. Schätzungsweise dürfte es sich um mehr als 10.000 Fahrgäste pro Tag gehandelt haben, da in den Unterlagen von einem Auslastungsgrad der Linien zwischen 80 und 100 Prozent gesprochen wird.

    Die meisten Busse auf jeweils acht Linien verkehrten für die Hauptabteilung Personenschutz (HA PS) und das Wachregiment. Die Personenschützer gelangten so aus Berlin zur Wohnsiedlung der SED-Spitze in Wandlitz und zum zentralen Ausbildungscamp in Kallinchen; die Offiziere des Wachregiments fuhren in die Kasernen in Adlershof, Erkner und Teupitz. Auf insgesamt sieben Buslinien gelangten Mitarbeiter der bei Stasi-Minister Mielke angesiedelten Spezialbauabteilung täglich zum Regierungsbunker in Prenden und zu unterirdischen Anlagen in Bernau.

    Fünfmal am Tag verkehrten die Stasi-Busse auf verschiedenen Linien

    Eine Buslinie weniger betrieb die Auslandsspionageabteilung HVA, die ihre Kader erst an mehreren Haltepunkten in Ostberlin einsammelte und dann zu den Ausbildungseinrichtungen in Gosen und Belzig sowie nach Zeesen und Wernsdorf fuhr. Auch die Lauschabteilung III schaffte Mitarbeiter in eigenen Bussen von Berlin in die Dienstobjekte Gosen und Biesenthal. Weitere Buslinien betrieben die Hauptabteilungen Kader und Schulung, VI (Grenzverkehr und Tourismus), XI (Chiffrierdienst) und II (Terrorabwehr) sowie VRD und Operativ-Technischer Sektor. Hinzu kam noch eine weitere Linie, die werktäglich jeweils um 6.20 und 7.20 Uhr am Alexanderplatz begann und Mitarbeiter in die MfS-Zentrale an der Lichtenberger Normannenstraße schaffte. Die Busse hielten am Leninplatz, im Weidenweg auf Höhe des U-Bahnhofs Marchlewskistraße (heute Weberwiese), vor dem Blumenladen am S-Bahnhof Frankfurter Allee sowie an der Ecke Fanninger-/Siegfriedstraße. Zurück ging es in entgegengesetzter Richtung jeweils um 17.15 und 19 Uhr.

    Was bis heute kaum bekannt ist – auch nach West-Berlin verkehrten regelmäßig Stasi-Busse. Fünf Linien gab es, auf denen die Mitarbeiter der jenseits der Mauer eingerichteten Büros für Besuchs- und Reiseangelegenheiten (BfBR) zu ihren Arbeitsstellen gelangten. In diesen auch „Passierscheinbüros“ genannten Einrichtungen, in denen Westberliner Einwohner einen Tagesbesuch im Ostteil der Stadt oder in der DDR beantragen konnten, arbeiteten Senatsmitarbeiter Seite an Seite mit Beamten aus Ostberlin. Letztere galten offiziell als Mitarbeiter des DDR-Ministerrats, waren aber in Wahrheit Stasi-Offiziere der Arbeitsgruppe XVII.


    Passierscheinbüro Waterlooufer

    Fünfmal am Tag verkehrten die Stasi-Busse auf verschiedenen Linien, um die insgesamt 75 in West-Berlin eingesetzten MfS-Mitarbeiter der AG XVII an den Grenzübergängen Invaliden-, Chaussee- und Heinrich-Heine-Straße einzusammeln, um sie in den Westteil der Stadt und vor allem wieder zurückzubringen. Fahrtziele der einzelnen Linien waren die fünf Passierscheinbüros am Spandauer Reformationsplatz, am Waterlooufer in Kreuzberg, in der Jebensstraße in Charlottenburg, in der Steglitzer Schloßstraße und an der Kreuzung Schul-/Maxstraße im Wedding. Auch an den Wochenenden und feiertags verkehrten Stasi-Busse nach West-Berlin, allerdings nur zweimal am Tag und lediglich zu den dann geöffneten Einrichtungen in Steglitz und Charlottenburg.

    Stasi-Mitarbeiter wurden unfreundlich, wenn keine Sitzplätze verfügbar waren

    Es gab immer wieder auch Zwischenfälle in den Stasi-Bussen. Davon künden die in den Akten überlieferten Beschwerdeschreiben.

    So beklagten sich Busfahrer über unfreundliche Stasi-Offiziere, über betrunkene Genossen, die auch schon mal in den Bus kotzten, und über Versuche, Kraftfahrer für private Erledigungen einzuspannen – etwa um Familien in Naherholungsgebiete zu kutschieren oder ein Kuchenpaket am Palast der Republik abzuholen.

    Ein Busfahrer der Stasi ärgerte sich darüber, dass seine Fahrgäste, wenn nicht genügend Sitzplätze zur Verfügung stehen, unfreundlich würden. Dabei seien das in der Regel nur vier bis sechs Personen, die eine Teilstrecke der Linie stehen müssten.

    „Die Genossen kommen dann mit solchen Argumenten wie ,Wir sind Schichtarbeiter und dürfen im Berufsverkehr nicht stehen‘, schrieb der Busfahrer in einem Beschwerdebrief an seine Vorgesetzten. Dabei sei dieses Argument doch schlecht, fügte der Mann hinzu, „denn wieviel Kollegen in Berlin arbeiten im Schichtdienst und bekommen in den Bussen der BVB auch keinen Sitzplatz“.

    Die Gefahr, die sich aus dem Betrieb des Stasi-Busverkehrs ergab, war dem Geheimdienst durchaus bewusst. So gab es die Sorge, dass ein Bus mit MfS-Mitarbeitern gekapert und die Insassen als Geiseln genommen werden, um einen Grenzdurchbruch zu erreichen.

    Im Jahre 1988 wurden daher zwei Stasi-Fachschulabsolventen der Antiterror-Abteilung II mit einer Abschlussarbeit zum Thema „Taktische Grundvariante zur Bekämpfung/Erstürmung eines Kraftomnibusses (KOM)“ beauftragt. Die im März 1989 vorgelegte Arbeit sollte die auszubildenden Antiterrorkämpfer des MfS in die Lage versetzen, „taktisch richtig zu handeln und die Überwältigung bzw. Liquidierung von Terrortätern erfolgreich durchführen zu können“. Die in der Arbeit beschriebenen Objekte einer Befreiungsaktion waren Ikarus-Busse Arbeit Typ 256 und 280 – also genau solche Fahrzeuge, die auch im BLV eingesetzt wurden.


    Im Jahr 2019 ist die Bushaltestelle am U-Bahnhof Wutzkyallee verschwunden. Die Säule mit dem U-Bahn-Schild wurde erneuert, steht aber immer noch am geichen Patz.

    #Berlin #DDR #Westberlin #Stasi #Verkehr #Passierscheinbüro #Passierscheinstelle #Geschichte

  • SPANDAUER VOLKSBLATT : Was ganz Neues - DER SPIEGEL 17/1964
    https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46174512.html

    22.04.1964

    In den Redaktionsräumen der Vorortgazette „Spandauer Volksblatt“ an der Neuendorfer Straße 101 im Westberliner Verwaltungsbezirk Spandau planen sechs Männer im Alter von 32 bis 40 Jahren die Sonntagsausgabe vom 26. April. Mit ihr wollen sie zum erstenmal seit Bestehen des Blattes in das 13 Kilometer entfernte Berliner Zentrum um Zoo und Gedächtniskirche vorstoßen.

    Den attraktivsten Beitrag steuert Bestseller-Autor Günter Graß ("Hundejahre") bei: 27 Schreibmaschinenseiten über „Vor- und Nachgeschichte der Tragödie des Coriolanus von Livius und Plutarch über Shakespeare bis zu Brecht und mir“. Der Schriftsteller hat dieses Manuskript für eine Shakespeare-Gedächtnisrede am Mittwochabend dieser Woche in der Westberliner Akademie der Künste ausgearbeitet; der Exklusiv-Abdruck erscheint im „Spandauer Volksblatt“ (Auflage rund 27 000).
    Schriftsteller Günter Graß, 36, ist einer der sechs Männer, die mit dem „Spandauer Volksblatt“ den Kurfürstendamm erobern wollen. Die anderen fünf:

    – Otto Peter Schasiepen, 34, Diplom -Volkswirt und Verlagsleiter des „Spandauer Volksblattes“, früher Mitarbeiter der Unternehmensberatung George S. May;
    – Hans Höppner, 34, Chefredakteur des „Spandauer Volksblattes“, früher im selben Verlag erst Lokalredakteur, später Leiter des politischen Ressorts;
    – Dr. Volker Klotz, 33, Germanist, Assistent des Literatur-Professors Walter Höllerer und Verfasser theaterwissenschaftlicher Abhandlungen;
    – Gerhard Schoenberner, 32, Herausgeber des Bildbandes „Der gelbe Stern“ und des Augenzeugenberichtes über die Judenverfolgung „Wir haben es gesehen“;
    – Wolfgang Neuss, 40, Kabarettist ("Der Mann mit der Pauke").

    Außerdem heuerten die sechs eine Reihe von Mitarbeitern an (Graß: „Keine Berufsjournalisten, aber Leute, die schreiben können“), die ebenso wie Graß und Neuss gegen normales Zeilen-Honorar (30 Pfennig) Berlins Ehre als Zeitungsstadt retten sollen.

    Denn die Spandauer teilen nicht die Ansicht des Westberliner „Abend“, der noch zu Beginn dieses Monats meinte. „Berlin gilt noch immer als bedeutendste Zeitungsstadt“. Höppner und Schasiepen, deren „Volksblatt“ bislang außerhalb Spandaus nicht zu kaufen war. sind „schon seit Jahren unzufrieden mit dem Berliner Zeitungsmarkt“.

    Zwar ist Westberlin noch immer die an Zeitungen reichste Großstadt Deutschlands. Allein die Springer -Gruppe bringt in Berlin vier Blätter heraus: Die Berliner Ausgaben der „Welt“ und der „Bild“-Zeitung, ferner „Morgenpost“ und „BZ“ mit einer täglichen Gesamtauflage von 703 962 Exemplaren. Hinzu kommen - neben dem „Spandauer Volksblatt“ - „Tagesspiegel“, „Der Abend“, „Der Kurier“, „Telegraf“ und „nacht-depesche“ (Gesamtauflage 348 154).

    Gleichwohl glauben die Spandauer, daß „etwas fehlt“. Neuss: „Die Berliner Presse-Tragödie besteht aus Absprachen“, Geschäftsgrundlage sei allein der Antikommunismus.

    Der gemeinsame Ärger über die Westberliner Tagespresse inspirierte die sechs Neuerer schließlich zu ihrem Plan. Graß: „Eines Tages sagt man eben: Nicht mehr quatschen - machen.“

    Weshalb die Zeitungsamateure ausgerechnet auf das Vorort-Journal verfielen, erläuterte Gerhard Schoenberner so:
    „In kritischen Situationen informieren mich nur drei Zeitungen objektiv: die ’Frankfurter Rundschau’, die ’Süddeutsche Zeitung’ und das ’Spandauer Volksblatt’.“ Auf der Suche nach einer Tageszeitung, „die mich informiert und nicht immer nur meine Meinung bilden will“, geriet auch Graß an das „Spandauer Volksblatt“.

    Nach dem Krieg hatte die Lokalzeitung, die heute, mit Anzeigen wohlversorgt, auf gesunder wirtschaftlicher Basis ruht, das Erbe der von den Nationalsozialisten verbotenen Spandauer SPD-Zeitung „Volksblatt“ angetreten. Alt-Sozialdemokrat und Volksblatt-Redakteur Erich Lezinsky, während der Nazi-Zeit mit Berufsverbot bedacht, gab das „Spandauer Volksblatt“ mit der Lizenznummer 1 der britischen Militärregierung zum erstenmal am 5. März 1946 heraus.

    Nach seinem Tode im Jahre 1952 bemühte sich die Berliner SPD um die Lizenz. Die Briten beließen sie jedoch der Familie Lezinsky, und der Lizenz-Neid der Sozialdemokraten führte dazu, daß sich die Lezinskys mit der SPD überwarfen und aus der Partei austraten. Das „Spandauer Volksblatt“ nahm künftig jede Gelegenheit wahr, die Berliner SPD zu attackieren.
    Das änderte sich wieder 1962, als Höppner zum Chefredakteur aufstieg und Schasiepen die Verlagsleitung übernahm. Schasiepen: „Zunächst wurde das Verhältnis zur SPD bereinigt. Dann wurden junge Leute eingestellt und der Spandauer Zopf abgeschnitten.“

    Höppner: „Wir fragten uns: Wie kommen wir über unsere Spandauer Festung hinaus?“

    Im Herbst vergangenen Jahres kamen Höppner und Graß, die sich bis dahin nicht gekannt hatten, bei der Eröffnung des neuen Hauses der Philharmonie miteinander ins Gespräch. Graß zu Höppner: „Setzen wir uns doch mal zusammen.“

    Der ersten Zusammenkunft folgten Gespräche mit anderen jungen Autoren, bis die sechs ("Komitee des 26. März") Ende März ihre publizistische Berlin-Hilfe fest beschlossen.

    Für die Zukunft wollen die Spandauer ihren Vormarsch auf den Kudamm jedoch nicht nur im Windschatten prominenter Autoren bewältigen. Schasiepen möchte dem Zeitungsmarkt „was ganz Neues“ bescheren. Und Klotz erläutert: „Wir möchten die traditionellen Sparten der Zeitung sprengen.“

    #Berlin #Spandau #Neuendorfer_Straße #Zeitung #Medien #Geschichte #Westberlin #SPD

  • Wie Wolfgang Scheffler das Projekt Wannseevilla in Berlin sabotierte | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/machtkampf-mit-joseph-wulf-wie-wolfgang-scheffler-das-projekt-wanns


    Die Eingangshalle der Villa am Wannsee mit Marmorkamin gehörte 1956 zum Schullandheim Neukölln. Schülerinnen und Schüler sitzen dort, wo am 20. Januar 1942 fünfzehn hochrangige NS-Vertreter eintrafen, um die Judenvernichtung zu koordinieren.

    A partir de 1950 les alliés de l’Ouest rendent les biens immobiliers à la ville de Berlin ou les mettent à disposition de la nouvelle université Freie Universität qui doit concurrencer la prestigieuse Humboldt Universität à l’Est. Deux poignées de ces villas sur les lacs servent comme centres aérés pour les enfants berlinois issus de familles qui n’ont pas les moyens de partir en vacances.

    C’est toujours vrai quand un conflit bizarre oppose deux responsables au sujet du villa qui a acceuilli la conférence sur les détails de l’organisation de l’extermination des juifs de’Europe connu sous le nom Wannsee-Konferenz .

    Wie selbstverständlich führe ich heutzutage ausländische Gäste in das Haus der Wannseekonferenz. Gelegen Am Großen Wannsee Nr. 56 wurden dort am Mittag des 20. Januar 1942 die Beschlüsse zur „Endlösung der Judenfrage“ gefasst. Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, leitete die Besprechung zum Zweck des Völkermords. Die wichtigsten Ministerien wurden von ihren Staatssekretären vertreten. Adolf Eichmann führte das Protokoll. Acht der 15 versammelten Herren trugen einen Doktortitel; im Durchschnitt waren sie 41 Jahre alt.

    Nach dem Besuch des Schreckensorts und der gut gemachten und informativen Ausstellung zeige ich meinen Gästen gern das 1940 „arisierte“, nur wenige hundert Meter entfernte Sommerhaus des Malers Max Liebermann. Dort nehmen wir dann Kaffee und Kuchen zu uns, am liebsten bei Sonnenschein im historisch rekonstruierten Garten. So lässt sich vom Schock „Wannseekonferenz“ leichter in das sanftere Terrain deutsche Juden, Kultur und Kaiserreich hinüberleiten. Zusammengenommen lautet die heutige Botschaft beider Institutionen: Hier präsentieren sich die Deutschen bürgerlich und selbstkritisch aufgeklärt.

    Abgrund Auschwitz

    Bis es soweit war, musste viele Jahre und Jahrzehnte lang gestritten werden. Nachdem der Senat die Villa Liebermanns 1972 an einen Tauchverein verpachtet hatte, setzte erst in den 90er-Jahren ein langsames, von privater Seite initiiertes Umdenken ein. 2002 zog der Tauchverein aus, zuvor hatte er dem Berliner Senat eine passende Liegenschaft als Ersatz abgetrotzt.

    Wesentlich dramatischer verlief die Geschichte des Hauses der Wannseekonferenz. Die Gedenkstätte dort wurde 1992 eröffnet, nachdem das Haus von 1952 bis 1988 dem Bezirk Neukölln als Schullandheim gedient hatte. Der erste, 1966 gestartete Versuch, dort an die nationalsozialistischen Verbrechen zu erinnern, scheiterte an allgemeiner Gleichgültigkeit, an der West-Berliner Stadtregierung, an intriganten Mitinitiatoren und schließlich auch an der von den 68ern popularisierten „Faschismustheorie“.

    Letztere verstehe ich als Fluchtbewegung der ersten Nachkriegsgeneration vor dem Abgrund Auschwitz: Für etwa zehn Jahre machten die 68er aus dem urdeutschen Nationalsozialismus einen angeblich internationalen Faschismus, der in Washington, Saigon und Teheran gemeinsam mit den „Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt“ bekämpft werden musste. Der große Vorteil bestand darin, dass für diesen „Faschismus“ keine deutschen Namen standen, sondern fremdländische wie Lyndon B. Johnson, Richard M. Nixon, Ngo Dinh Diem oder Reza Pahlavi, Schah von Persien.
    „Abreißen, diese Schreckensstätte“

    Zurück zur Wannseevilla. Im August 1966 kündigte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses Nahum Goldmann seinen Besuch in West-Berlin an. Bei dieser Gelegenheit wollte er den Vorschlag des Schriftstellers und Historikers Joseph Wulf unterstützen, in der Villa am Großen Wannsee ein „Internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen“ einzurichten.

    Wulf war 1912 in Chemnitz zur Welt gekommen und wurde 1938 als Jude polnischer Staatsangehörigkeit nach Polen abgeschoben. 1939 geriet er abermals in deutsche Klauen, überlebte das Krakauer Ghetto, das KZ Auschwitz (Häftlingsnummer 114866) und die Todesmärsche. 1945 blieb er zunächst in Polen, später verschlug es ihn nach Paris und 1952 nach West-Berlin. Seit er 1945 in Warschau die Zentrale Jüdische Historische Kommission mitbegründet hatte, lautete Wulfs Lebensziel: Dokumentation der Naziverbrechen, der deutschen Herrschaft in Polen und des Judenmords.

    Auf den von Goldmann prominent unterstützten Vorschlag Wulfs reagierte im Oktober 1966 der Präsident des Deutschen Bundestages, Eugen Gerstenmaier (CDU), mit heute kaum noch vorstellbarem deutschen Nachkriegsbrutalismus. Er forderte: „Da kommt nur eines in Frage, nämlich das Haus abzureißen, so dass keine Spur von der Schreckensstätte übrigbleibt.“

    Dieser Ansicht widersprach der Berliner Senat umgehend, allerdings aus materiellen Gründen. Im Auftrag des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt teilte Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD) mit: „Der Senat ist der Ansicht, dass durch den Abriss eines Hauses im Werte von mehr als einer Million Mark, in dem sich jetzt ein Landschulheim befindet, die Vergangenheit nicht bewältigt wird.“ Statt um Häuser solle man sich „mehr um die Menschen kümmern, die das Schreckliche in diesen Häusern taten“.

    Der Sender Freies Berlin (SFB) konfrontierte Goldmann mit folgender Frage zur Wannseevilla: „Glauben Sie nicht, dass Sie der Neuköllner Jugend, die sich seit 1952 im Schullandheim aufhält, einen schlechten Dienst erweisen, wenn Sie sie aus diesem Haus heraushaben wollen?“ Goldmann reagierte gelassen, während der SPD-Bürgermeister von Neukölln und der SPD-Landesvorsitzende Kurt Mattick den Vorschlag, in der Wannseevilla eine Dokumentationsstätte einzurichten, „für völlig unsinnig“ erklärten.

    Willy Brandt hielt sich in seinen öffentlichen Stellungnahmen zurück. Denn er wusste genau, dass er mit solchen Themen in der damaligen Bundesrepublik jede Wahl gegen die CDU/CSU verlieren müsste. Außerdem verhandelte er bereits um die Große Koalition mit Kurt Georg Kiesinger und wurde im Dezember 1966 Außenminister.
    Männer und Frauen bei einer Ausstellung.

    Weder für die SPD noch für bürgerliche Zeitungen, jedoch für viele damalige Deutsche typisch titelte die NPD-eigene Deutsche Wochen-Zeitung im November 1966 „Rachedenkmal statt Kinderheim. Ein neues Haus des Hasses in Berlin“ und bemerkte zu Joseph Wulf: „Herr Wulf ist einer der von den USA inthronisierten, von der gesamten West-Berliner Prominenz gefürchteten politischen Bußapostel. Wulfs besessene Angriffe richten sich von jeher ausschließlich gegen die ‚Nazi-Vergangenheit‘, die nach seinem Willen ,niemals zur Ruhe kommen‘ darf.“

    Derweil blieb Wulf nicht untätig. Er suchte nach prominenten deutschen und internationalen Unterstützern. So gewann er Karl Jaspers, Gideon Hausner, den Ankläger im Eichmannprozess, Robert M. W. Kempner, Rechtsanwalt und Nürnberger Ankläger, Golo Mann, den niederländischen Historiker Luis de Jong, Rabbiner Joachim Prinz, Eduard Goldstücker, Bischof Kurt Scharf, Eugen Kogon, Max Horkheimer, Fritz Bauer, Heinz Galinski, Alfred Grosser und viele andere.

    Einer aus diesem illustren Kreis soll speziell hervorgehoben werden: Rechtsanwalt Horst Mahler. Nach zwischenzeitlichen linksradikalen und linksterroristischen Umwegen sitzt der mittlerweile 82-Jährige heute wegen hartnäckiger öffentlicher Leugnung des Holocaust in Strafhaft.

    Die prominenten Namen nützten nichts. Ende 1967 erklärte der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz: „Es ist ein Schullandheim geworden, liegt darin nicht auch eine Bedeutung?!“ Zwar könne er sich mit einer Dokumentationsstelle anfreunden, nicht jedoch mit „einer makabren Kultstätte“ am Wannsee. Ende 1967 offerierte der Senat Wulf und seinen Mitstreitern zwei Grundstücke in der Nähe der Freien Universität. Doch blieb die Haltung der Berliner Behörden weiterhin auf Verzögerung bedacht. So scheiterte das Projekt.

    Jüdischer Initiator verleumdet

    Aber warum stieß Joseph Wulf zunehmend auf taube Ohren? Wie ich im vergangenen Jahr zufällig herausfand, intrigierte besonders ein Mitglied des Trägervereins „Internationales Dokumentationszentrum“, das Wulf 1966 selbst angeworben hatte, gegen ihn: der Historiker und als Gerichtsgutachter in NS-Prozessen tätige Dr. Wolfgang Scheffler. „Persönlich! Streng vertraulich!“ schrieb er am 16. Oktober 1969 an den Regierenden Bürgermeister Schütz, zu Händen Senatssprecher Peter Herz: „Ich bitte zu berücksichtigen, dass Herr Wulf bis zum heutigen Zeitpunkt (…) mit voller Absicht nicht über den Stand der Verhandlungen unterrichtet wurde. (…) Darüber hinaus muss ich feststellen, dass ein von Herrn W. geleitetes Institut, wie ich aus vielen Gesprächen mit in- und ausländischen Kollegen weiß, mit Sicherheit auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird.“

    Scheffler ging noch weiter und behauptete, „dass ein Institut unter der alleinigen Leitung von Herrn Wulf die zukünftige wissenschaftliche Arbeit nur diskreditieren könnte“ und „binnen kurzem zum Scheitern verurteilt wäre“. Diesem Brief folgten weitere Verleumdungen Wulfs, dem Scheffler seine eigenen, nämlich „selbstsüchtige Motive“ unterstellte. (Quelle: Nachlass Scheffler, Bd. 4,Bundesarchiv Koblenz)
    Ein deutscher Neid-Professor

    Wolfgang Scheffler wollte selbst Direktor des zu gründenden Instituts werden und Wulf unmöglich machen. Dieser erkannte erst langsam, was hinter seinem Rücken gespielt wurde. Scheffler gelang weder eine Institutsgründung, noch brachte er ein größeres wissenschaftliches Werk zuwege, erlangte aber 1986 eine Professur am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin.

    Zu diesem Zeitpunkt war Joseph Wulf bereits zwölf Jahre tot. Wie Scheffler in einer ansonsten zutiefst verlogenen Würdigung 1989 „Über den Publizisten Joseph Wulf“ – Publizist! Angeblich kein Historiker! – zutreffend schrieb, nahm sich dieser „angesichts des Todes seiner Frau und der Aussichtslosigkeit seiner beruflichen Existenz“ das Leben. Am 10. Oktober 1974 war Joseph Wulf isoliert und verzweifelt aus einem Fenster seiner im 4. Stock gelegenen Wohnung in der Berliner Giesebrechtstraße gesprungen.

    Und Scheffler, der Wulfs berufliche Möglichkeiten jahrelang hinterhältig sabotiert hatte, schämte sich nicht, diesen Schlusssatz über einen deutlich begabteren und produktiveren jüdischen Kollegen, einen Überlebenden des Holocaust, zu schreiben: „Die Umstände seines Todes erinnern an den verzweifelten Todessprung seiner Leidensgenossen aus den Fenstern der brennenden Häuser des Warschauer Ghettos.“

    30 Jahre Forschung und Dokumentation

    Die Bibliotkek der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 1992 in der Villa eröffnet, trägt den Namen von Joseph Wulf, der 1966 einen Verein zur Erforschung des Nationalsozialismus gegründet hatte.

    Die ständige Ausstellung „Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden“ informiert über die Ausgrenzung, Verfolgung, Vertreibung, Ghettoisierung und Vernichtung der Juden 1933–1945.

    Die aktuelle Sonderausstellung mit dem Titel „Großbürgerliche Lebenswelten“ und NS-Dienststellen“ erinnert an Villen und ihre Bewohner am Wannsee, darunter Angehörige des jüdischen Großbürgertums.

    #Allemagne #Berlin #Wannsee #Am_Großen_Wannsee #shoa #Westberlin #éducation #enfants

  • Michael Roeder birgt historisches Kiez-Wissen - Wilmersdorf - berliner-woche.de
    http://www.berliner-woche.de/wilmersdorf/leute/michael-roeder-birgt-historisches-kiez-wissen-d148563.html

    Helmut Ollk wurde 1911 in Schmargendorf geboren. Er lernte zunächst Maurer und studierte später Architektur. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er an der Neugründung des Bundes Deutscher Architekten (West)Berlin beteiligt. Er starb 1979, sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Wilmersdorf. „Die Welt“ nannte ihn Ende der 60er-Jahre einen „bekannten Architekten“. Noch fast 40 Jahre nach seinem Tod erinnert sich Klaus-J. Thieme, ein Kollege aus der nachfolgenden Generation, an ihn schon als „einen der ganz großen Architekten" der 50er- bis 70er-Jahre in West-Berlin. "Seine Architektur war beeindruckend, anders als die Masse“, zitiert Roeder Thieme in seinem Text.

    Anhand einer von Ehefrau Ollk 1989 aufgestellten Liste „Bauvorhaben 1949-1978“ mit 178 Positionen lässt sich erkennen, daß Helmut Ollk in allen West-Berliner Bezirken und zudem in Oberbayern entworfen hat, sein Schwerpunkt aber in Charlottenburg, Schöneberg und besonders Wilmersdorf lag. Mitte der 60er-Jahre wurde unter Kollegen die Bundesallee daher im Scherz Ollk-Allee genannt, da dort – einschließlich der Joachimst(h)aler Straße – zehn Gebäude von ihm stammen. Vorwiegend war er im Wohnungsbau tätig. Drei seiner Bauten – in Neukölln, Schöneberg und Wilmersdorf – stehen unter Denkmalschutz. Neben seiner baulichen Tätigkeit war Helmut Ollk von 1946 bis 1950 Kommanditist der KBK Kurt Becker KG, deren Zweck die „Konstruktion und der Vertrieb von Metallwaren“ war. Sie stellte Spielzeugfahrzeuge im Druckgussverfahren her.

    Was Ollks Gestaltungsart so bemerkenswert gemacht hat? Roeder beschreibt es in seinem Beitrag detailliert und dadurch wird klar, wie akribisch er sich mit dseinen Themen auseinandersetzt. Auf seiner Info-Tour durch die Archive und die Wohnküchen seiner „Informanten“ hat er eine für ihn erstaunliche Erfahrung gemacht: „Menschen wie Ollks Tochter vertrauen mir sehr bereitwillig an, was sie wissen und an Bildmaterial haben. Das macht meine Texte lebendiger.“

    Ein Dutzend seiner Werke hat Roeder über die Seite nebenan.de ins Netz gestellt.

    #Berlin #Geschichte #Architektur #Westberlin

  • Bewegung und Parameter
    https://www.heise.de/tp/features/Bewegung-und-Parameter-3959099.html

    Wussten sie, dass Wernher von Braun Schüler am Französischen Gymnasium war? Geschenkt, aber wer war eigentlich dieser Wernher von Braun?

    Hier die Erklärung von Tom Lehrer.
    Tom Appletons Erinnerungen folgen weiter untern.
    https://www.youtube.com/watch?v=TjDEsGZLbio

    Tom Appleton

    Ich war im Juni 1989 aus Wien kommend, in Berlin zu Besuch bei einem älteren jüdischen Freund aus Neuseeland. Er hatte Berlin 1938 verlassen, sehr spät, auf den letzten Drücker. Die alten Schulfreunde aus dem französischen Gymnasium, die in Berlin geblieben waren, hatten über die Jahrzehnte hinweg brieflich den Kontakt aufrecht gehalten. Sie hatten ihre alte Freundschaft nicht den Wahnvorstellungen der Nazis geopfert.

    Ich fuhr mit diesen alten Freunden, alle Jahrgang 1912, durch Westberlin. „Was meint ihr,“ fragte ich die Berliner, „wie lange wird diese Mauer noch Bestand haben?“ — „Mindestens 30 Jahre“, sagten sie übereinstimmend. „Dass die einmal runterkommt, das erleben wir sicher nimmermehr.“

    Ein halbes Jahr später war der Spuk vorbei. Merke: Wenn die richtigen Parameter zusammen kommen, verläuft der Prozess nicht unbedingt weiter linear, sondern exponentiell.

    Ich hatte es genossen, ihren alten Schulgeschichten zu lauschen. Ihr Schulkamerad Wernher von Braun wurde mit 18 von der Schule geworfen, weil er von seinen Mitschülern 500 Mark pro Person abzocken wollte, um einen raketengetriebenen Rennwagen zu bauen. Es waren Ideen wie aus „Donald Duck“. Braun fand natürlich neue Freunde für seine Raketenpläne.

    Mit Wernher von Brauns ehemaligem Mitschüler fuhr ich in der U-Bahn durch West-Berlin, umringt von Afro-Amerikanern der US-Army, verschleierten Frauen aus Anatolien und buntgemischten Menschen aus aller Welt. „Wie findest du das?“, fragte ich meinen alten Freund. „Dich haben sie als Juden aus Deutschland rausgeschmissen, obwohl du genauso aussiehst, wie alle diese Deutschen hier. Und jetzt leben hier Menschen aus aller Welt, ganz ungehindert?“

    Mein alter Freund zitierte, wie nicht anders zu erwarten, sehr zivilisiert, eine Stelle aus dem „Faust“, indem er Hitler mit Mephisto verglich — als „jene Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.“

    In der Realität spielte sich das Ganze natürlich weniger altersmild oder sanftmütig ab. Ich wollte 1985 in Ost-Berlin den Pergamon-Fries

    betrachten, der in einem Roman-Essay von Peter Weiss beschrieben wurde. Ich hatte nur den ersten Teil des Buches gelesen, der 1975 erschienen war, und hatte keine genaue Vorstellung davon, was es mit diesem Bildwerk auf sich hatte, das im 19. Jahrhundert aus Griechenland nach Berlin verschleppt worden war.

    Im Endeffekt saß ich in Ost-Berlin vor diesem Gigantoskop und hatte nicht einmal eine Fotokopie der Weiss’schen Seiten vor mir — das Buch über die Grenze in die DDR mitzubringen wäre (so glaubte ich) unmöglich gewesen. Natürlich gab es im Pergamonmuseum auch nicht etwa eine Kopie des Weiss-Textes zum Lesen vor Ort. (Auch im Buch selber gab es keine Bild-Seiten dazu.) Zuletzt blieb mir nichts anderes übrig, als einfach festzustellen, dass auch in Ost-Berlin die jungen Frauen einfach attraktiv waren.

    #Deutschland #Kreuzberg #Bethaniendamm #Tiergarten #Derfflingerstraße #DDR #Nazis #Juden #Mauer #Westberlin #Ostberlin

  • Beate Uhse AG ist pleite: Der Erotik-Versand musste Insolvenz anmelden | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/insolvenz-beate-uhse-hat-den-anschluss-an-das-online-geschaeft-verp

    Absolut ein Fall für Nostalgie an die Zeit als Papi Sonntags früh um Fünfe das Drachenfutter für Mami noch schnell beim Blumenstand am Pornoshop im Holst am Zoo besorgte, letzte Station eines Taxi-Trips durch die Nacht, von Beate Uhse zur Nina, in die Kurfürsten und die Eisenacher, vom Nachtklub zum Puff, zum Bordell, zum Imbiß und dann üban Zoo nach Zehlendorf.

    Herbert, oder wie auch immer er hieß, ließ es gerne krachen, dann wurde ein Fahrer mit oder ohne Auto für die Nacht gebraucht, das in Hellelfenbein durfte gerne ein oder zwei Stündchen in zweiter Spur halten bis die dringenden Geschäfte drinnen erledigt waren und dann ab zum nächsten Event, noch ein oder zwei Damen, noch ein paar Buddeln Schampus und zum Schluß ein Bierchen zur Currywurst am Zoo oder am Amtsgericht und dann ab nach Wannsee oder bloß innen Grunewald, wo die Olle inne Villa pennte.

    Westberliner Power-Party war angesagt, irgendwo mußte die Korruptionsknete hin, und für alle, die ihn noch kennen, sei gesagt: Rolf Eden war eine harmlose Variante beim Partymachen. Deshalb lebt er 2017 noch.

    Beate Uhse ist zwar ein Vorreiter des Versandhandels, hat aber ähnlich wie Quelle den Sprung ins Online-Zeitalter nicht geschafft. Das Geschäft mit Sexfilmen und damit auch mit den früher üblichen Video-Kabinen in Erotikshops ist weggebrochen, seitdem Pornos kostenlos im Internet zu sehen sind.

    Gefahr der Zahlungsunfähigkeit bestand
    Die Konzentration auf Sexspielzeug oder Dessous hat nicht die erhofft Wende gebracht, obwohl es in diesem Segment erfolgreiche Neugründungen wie Eis.de gibt. Marketing-Experten führen den Niedergang der Flensburger auch darauf zurück, dass die Marke „Beate Uhse“ bei den Deutschen noch immer ein Schmuddelimage hat.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Beate_Uhse
    https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Eden

    #Westberlin #Business #Porno #Prostitution

  • Berlin-Schöneberg: Warten auf die neue Bowie-Gedenktafel - Berlin - Tagesspiegel
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-schoeneberg-warten-auf-die-neue-bowie-gedenktafel/14615456.html


    Wech is wech, wir ham sie noch fotografiert.

    Keinen Monat hing die Gedenktafel für David Bowie an dessen ehemaligem Wohnhaus an der Hauptstraße 155 in Schöneberg. Seit zehn Tagen aber prangt dort nur noch der Putz, denn: Ersetzt wurde die Tafel bisher nicht. „Momentan prüft die Historische Kommission, wie die Tafel sicherer angebracht werden kann“, sagt Lars Bahners, Sprecher der Berliner Kulturverwaltung.

    Mehr als 430 Gedenktafeln hängen in der Stadt, sehr selten seien diese zerstört worden, sagt Bahners. Ausschließen will er nicht, dass es Fans waren, die versuchten, mit der Bowie-Tafel ein Souvenir zu ergattern. Auch die Polizei hält dies für möglich.

    #Berlin #Schöneberg #Hauptstraße #Geschichte #Musik #Westberlin

  • Nachruf auf Karsten Klingbeil (Geb. 1925): Der Alibikapitalist - Nachrufe - Berlin - Tagesspiegel
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrufe/nachruf-auf-karsten-klingbeil-geb-1925-der-alibikapitalist/13972036.html

    Mehr Westberlin geht nicht. KK hat die Stadt geprägt wie kaum ein anderer, Geldscheffeln im Schaufenster des Kapitalismus war leicht, wenn man die richtigen Leute kannte. Nur mutig mußte man sein, durfte sich nicht auf die antikommunistischen Panikmacher einlassen und sich die Überschall-Migs und Berlinkriesen einredenlassen. Was den kleinen Leuten ihre Zitterprämie war dem Baulöwen seine Wannseevilla.

    Die Meerliebhaberpostille Mare verrät als Stimmungsbild was im Tagesspiegel nicht steht, über Geld spricht nicht gern, wer reichlich hat.
    http://www.mare.de/index.php?article_id=3381

    Wie fing es an? Mit zehn Jahren am Kleinen Wannsee. Der Vater war ein hoher Bahnbeamter, Chef der Berliner S-Bahn, man wohnte standesgemäß, ein paar Meter neben dem Kleistgrab, altes Geld prägt dort bis heute Häuser und Lebensstil.

    Dank KK kann ich heute von meinen Besuchen beim Sechstagerennen im Sportpalast erzählen und mich dabei als historische Person fühlen. Hau wech den Scheiß war Baulöwendevise, Sozialpalast schlägt Sportpalast. Darauf das Ding Klingbeilpalast zu nennen ist keiner gekommen, für Strippenzieher gibts kein Denkmal. Volkstümliches Fazit: #dankefuernix.

    Wer hier investierte, wurde mit äußerst freundlichen Abschreibungsmöglichkeiten belohnt.

    Darauf beruhte Klingbeils Geschäft. Er ließ subventionierte Sozialbauten errichten, bot reichen Leuten eine lukrative Anlage und wurde selbst steinreich. Seine Wannseevilla hatte er noch zu Zeiten gekauft, als er nur reich gewesen war. Es war das Jahr des Chruschtschov-Ultimatums, da waren Villen in der Frontstadt günstig.

    ...

    Wie kam es, dass ausgerechnet er zum Feindbild wurde? Kapitalistenschwein! Baulöwe! Er besaß ja nicht mal eine richtige Baufirma, und keins der Häuser, die er bauen ließ, gehörte ihm (nichts lag ihm ferner, als sich mit Mietern herumzuschlagen, diesen Menschen, die das Eigentum nicht achten). Er beauftragte Baufirmen, Wohnungen für arme Leute zu bauen, stets nach den Vorgaben der Politik, und sammelte dafür das Geld reicher Leute ein. Wenn er ein Ausbeuter war, dann vor allem einer der Subventionsgesetze. Er war, so könnte man das sagen, ein Rad in einem Getriebe.

    Aber ein großes. Dazu kam die Sache mit dem Sportpalast an der Potsdamer Straße, den er hatte abreißen lassen, und dem Sozialpalast, den er bauen ließ. Da war er der Buhmann. Dass der Abriss auf Wunsch der SPD geschah, musste ja keiner wissen.

    Alles andere an KK ist eigentlich egal, seine Mithutgattin, die Presseberichte über den zum Künstler gewandelten businessman , egal. KK war einfach Teil der korrupten Nachkriegsgewinnlermannschaft, die wenn schon nicht am richtigen dann wenigstens am kalten Kriegsgedöns ordentlich verdienen wollte.

    Und heute? Heute geht es um „richtiges Geld“, Berlin ist internationalisiert, statt Subventionen wird Investorenknete abgezockt, unendlich viel mehr, und noch mehr Schaden angerichtet als beim Abriß vom Totalerkriegspalast . Geld zerstört die Stadt, mal mehr mals weniger. KK weiß nichts mehr davon. Der hatte der schon vor dreißig Jahren ausgesorgt.

    Nachtrag: KKs Gattin fasst 23 Jahre Charity-Hutparty so zusammen:
    http://www.berliner-zeitung.de/heute-gibt-es-die-27--und-letzte-hutparty-von-benefizorganisatorin-

    Die Milliardäre geben am wenigsten.

    Als wir mal versuchten, der gute Mensch vom (Wann)see zu sein ...

    Nach-Nachtrag: Wie man Geld macht ...
    http://www.luise-berlin.de/kalender/jahr/1992.htm

    01.05.1992 Das ehemalige Interhotel »Stadt Berlin« auf dem Alexanderplatz (Mitte), das die Berliner Klingbeil-Gruppe am 22. November 1991 von der Treuhandanstalt erworben hat, wird in »Forum Hotel Berlin« umbenannt.

    Weiter gehts:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13680191.html

    Es ist das gewaltigste Stück, das die Treuhandanstalt bislang aus dem Nachlaß der ehemaligen DDR verkaufte, und eines der größten Immobiliengeschäfte, die jemals in Deutschland getätigt wurden. Daß die Neuerwerbung sie alles in allem um die drei Milliarden Mark kosten wird, scheint die Käufer nicht zu beunruhigen. „Ich schlafe wie ein Bär“, sagt Guttmann.
    Groenke und Guttmann sehen in dem Erwerb der insgesamt 29 Häuser, darunter Prestigeobjekte wie das Grand Hotel in Ost-Berlin oder das Bellevue in Dresden, die „Krönung“ ihrer Laufbahn. Die etwa 300 Mitarbeiter durften mit Champagner darauf anstoßen.
    ...
    Klingbeil ist nur noch mit zehn Prozent an dem von ihm gegründeten Unternehmen beteiligt. Alles andere hat er an seine langjährigen Geschäftsführer Groenke und Guttmann verkauft. Und die haben ihr Geschäft bei dem alten Fuchs gut gelernt.

    Das Unternehmen, zu dem etwa 200 Einzelgesellschaften - jeweils für ein bestimmtes Projekt - gehören, macht alles, was zum Baugeschäft gehört. Die Klingbeil-Gruppe hat Tausende von Sozialwohnungen in West-Berlin errichtet, Bürohäuser, Einkaufszentren und Hotels gebaut; sie verwaltet Grundstücke, saniert Altbauten, berät bei Planung und Baufinanzierung.

    Groenke und Guttmann profitieren wie früher Karsten Klingbeil von der politischen Situation. Der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung zahlt sich für beide aus - so wie für Klingbeil damals die Teilung Berlins.

    Und auch der Rest des Spiegel-Artikels von 1992 lohnt die Lektüre, wenn man zum Beispiel erfährt, wie SPD-Bausenator Nagel das Staakener Feld nach dem Kauf durch die Klingbeil Gruppe zu Bauland umwidmen ließ und sich 1,8 Millionen Deutsche Mark Kaufpreis wie von Zauberhand im Investorenportefeuille vervielfachten.

    Irgendwo kommt es her. Aber das deckt zuerst das Schweigen und dann der Rasen. Wahr oder falsch, de mortuis nil nisi bene dicendum est .

    #Berlin #Geschichte #Westberlin #Korruption #Immobilien #Sportpalast #Potdamer_Straße #Schöneberg #Wannsee

  • Quartett im Bett - Berlin 1968 - von Ulrich Schamoni
    https://www.youtube.com/watch?v=PvjBNowP1cM

    https://de.wikipedia.org/wiki/Quartett_im_Bett

    „Quartett im Bett“ spielt in West-Berlin im Sommer 1968. Es wird das Lebensgefühl der Zeit anhand mehrerer musikalischer Quartett-Formationen gezeigt. Sie ziehen durch die Hinterhöfe von Kreuzberg, wo sie herumblödeln. Sie vertreiben sich die Zeit mit Ulk-Gedichten und dem Bau von Instrumenten.

    Regie Ulrich Schamoni
    Drehbuch Ulrich Schamoni
    Produktion Peter Schamoni
    Musik Peter Ehlebracht + Ingo Insterburg

    Insterburg & Co.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Insterburg_%26_Co.

    http://www.ingo-insterburg.com


    Quelle: http://www.john-vaughan.com/john-vaughan-photos-70.htm

    „Aus der Kneipe Kreuzberger Vereinshaus (dröhnte) die Internationale oder ‚Der Osten ist rot’“
    http://www.leibi.de/alternativmedien/print04.htm

    Ein paar Schlaglichter zur Geschichte der Zeitschrift Agit 883

    In der BZ, der größten Berliner Tageszeitung, konnte man am 13. Februar 1969 lesen, dass Regierungssprecher Diehl nach Verfassungsschutzangaben 145 radikale Publikationen in der BRD ausmachte. „Die Auflagen sind gering, doch darf ihre Existenz nicht bagatellisiert werden.“ Die am selben Tag erstmals publizierte Agit 883 dürfte bald darauf als Nr. 146 registriert worden sein. Die Agit 883 war in der Zeit von 1969 bis Anfang 1972 die größte und bekannteste linksradikale Zeitung in West-Berlin, die eine große Ausstrahlung auch nach Westdeutschland hatteBereits in der ersten Ausgabe ging es um „Verhalten bei Festnahmen“, um den „Kampf gegen das Kapital“ und einer Aufforderung des Zentralen Ermittlungsausschusses der ASten der TU und FU, Fotos von der Politischen Polizei zur Verfügung zu stellen. Im Impressum ist vermerkt: „Druck: Zahl-Wienen 1 Berlin“. Dahinter verbarg sich die Druckerei von Peter Paul Zahl und seiner Frau, in der ausweislich des Impressums die Zeitung bis zur Ausgabe Nr. 62 im Sommer 1970 gedruckt wurde. Am gleichen Ort fanden sich auch Kleinanzeigen, die neben der politischen Diskussion die Zeitung prägen sollten. Die Rubriken reichten von „Wohnen / Mitfahren / Autos / Jobs“ bis „Sonstwas“. Auch drei Kneipen waren vertreten: Das Liftass in der Sybelstraße 49 offerierte „Griechische Küche“, die Gastwirtschaft Polkwitz in der Bayrischen Straße wollte nach eigenem Bekunden auch „für entspannte Progressive“ sorgen. Die Kneipe Zum Schotten sucht sich ihren Besucherinnen als eine „antiautoritäre Quatschbude“ vorzustellen, in der von Nachmittags um Drei bis in die tiefe Nacht um Vier wohl auch schon mal – so legt es das Anzeigenbild nahe – ein Bierglas kaputt gehen durfte.

    1971 - Sause durch linke Pinten
    http://www.rockarchiv.infopartisan.net/doku/doku006.html

    Berlin ist ein Eldorado für Kneipengänger. Fast an jeder Ecke findet sich eine Bierstampe, schmucklos die Einrichtung, ohne Charme, ohne Ambiance, ausgestattet aber mit einem Zapfhahn, der die Ruhestellung nicht kennt. So manch männlich gemütliche Beleibtheit, auch Mollenfriedhof genannt, läßt nach jedem Hektoliter Bierkonsum Berliner Bauchfalten weiter über den Hosenbund rutschen.
    ...
    „POLKWITZ"

    Fünf Minuten in gemütlicher Gangart braucht es von hier bis zum „Polkwitz". Das rustikale Gasthaus ist eine Gründung des Rixdorfer Druckvereins, dessen überdimensionale Holzdruckstücke die Dekoration bestimmen. Das elektrische Klavier funktioniert sogar manchmal. Auseinandersetzungen harmloserer Natur werden am Flipper oder beim Tischfußball ausgetragen. Die hier versammelten Barte sind gepflegt, die Männerhaare halblang und gewaschen. Überhaupt kommt man auch ohne Koteletten und „keimfrei" durch die Tür. Selbst Krawattenträger sind im „Polkwitz" schon gesehen worden.
    ...

    „KLEINE WELTLATERNE"

    Bleibt zum Schluß noch einzugehen auf die typische Künstlerkneipe, die gewiß -Pate gestanden hat bei der Entstehung der sogenannten „linken" Kneipe. Von allen derartigen „Glas-Bier-Geschäften", gehen die stärksten Impulse noch immer von Hertha Fiedlers „Kleiner Weltlaterne" in Kreuzbergs Kohlfurter Straße aus. In reizvoll gegensätzlichem Nebeneinander hängen von der Decke bis zum Biertisch allerlei Kunstprodukte. Im Hinterzimmer findet sich stets Kreuzberger und andere Graphik zu zivilen Preisen. Ulrich Schamoni, Wolfgang Schnell oder Friedrich Schröder-Sonnenstern gehen hier ein und aus.

    Wirtin Hertha, ihrer Künstlerhilfe wegen auch Engel von Kreuzberg genannt, steht freundlich lächelnd hinter dem Tresen, auch für Nur-Bier-Trinker oder Nicht-Kunst-Käufer.

    Axel Benzmann, Der Blickpunkt Nr. 206/Oktober 1971, S. 32f, Zeitschrift des westberliner Landesjugendrings

    #Westberlin #Kneipen