Wann lüftet China das Rätsel um die riesige Pankow-Brache?
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20.10.2023 von Kerstin Heinrich - Berlin. Seit Jahrzehnten dämmert dieses Grundstück mitten in der Berliner Innenstadt vor sich hin. Was wird aus der Brache? Alle Infos.
Passanten, die einen Blick durch den mannshohen Gitterzaun an der Ecke Neumannstraße zur Arnold-Zweig-Straße werfen, offenbart sich ein Stück wilder Natur mitten in Berlin-Pankow. Ein dichter Wildwuchs an Pflanzen und Bäumen verwehrt Neugierigen den Blick. Seit den 1980er-Jahren hat China das Nutzungsrecht an dem knapp 15.000 Quadratmeter großen, komplett verwilderten Grundstück. Was hat die Volksrepublik mit dem Brachland vor? Alle Infos zu dem Lost Place.
Das sind die Fakten zur Brache an der Neumannstraße im Überblick:
Adresse: Grundstücksblock zwischen Neumann-, Arnold-Zweig- und Greta-Garbo-Straße, 13189 Berlin-Pankow
Geschichte: 1982 überließ die DDR China das Nutzungsrecht für das Grundstück bis 2066; zu einer Bebauung kam es bis zur Wende nicht, die Fläche verwilderte jahrzehntelang als unbebautes Brachland; 2014 wurde eine Tauschanfrage von China zurückgezogen, 2019 ein Betonsockel mit Sichtschutzzaun und aufgesetzten Metalldornen installiert
Führungen: keine
Status: Lost Place
Planung: Das Nutzungsrecht liegt bei der Volksrepublik China, die die Errichtung von Botschafterhäusern plant
Wo liegt das verwaiste und verwilderte Grundstück genau?
Das Grundstück liegt an der Ecke Neumannstraße zur Arnold-Zweig-Straße im Ortsteil Pankow im gleichnamigen Bezirk und umfasst das Karree bis zur Greta-Garbor-Straße im Süden und einem Durchgangsweg im Westen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Areal am besten mit der Buslinie 250 (Haltestelle Arnold-Zweig-Straße) zu erreichen. Alternativ kann der U-Bahnhof Vinetastraße (U2) genutzt werden, von dem man zu Fuß etwa acht Minuten entlang der Elsa-Brändström-Straße und der Pfarrer-Jungklaus-Straße benötigt. Das Gelände kann vom öffentlichen Straßengrund aus eingesehen werden. Das Betreten des Grundstücks ist nicht erlaubt.
Lost Places in Pankow
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Grundstücksbrache Neumannstraße:
Mit Bruderkuss: Die diplomatischen Beziehungen Chinas zur DDR
Die DDR und die VR China waren nur wenige Tage alt, als sie im Oktober 1949 diplomatische Beziehungen knüpften
Die DDR und die VR China waren nur wenige Tage alt, als sie im Oktober 1949 diplomatische Beziehungen knüpften© dpa | Oliver Berg
Berlins Lost-Places-Touristen kennen längst den morbiden Charme der Hals über Kopf geräumten Botschaft des Irak in der Tschaikowskistraße, die jetzt sanierte Vertretung Australiens in der Grabbeallee oder die geheimnisvolle Residenz Bulgariens am Brosepark. Im ehemaligen DDR-Diplomatenviertel nahe dem Majakowskiring in Niederschönhausen wurden zu DDR-Zeiten Dutzende Gebäude als Botschaften, Residenzen oder Wohnhäuser für Diplomaten hochgezogen.
Etwas abseits davon lag seit den 1970er-Jahren die Botschaft Chinas in der Heinrich-Mann-Straße 9 in Niederschönhausen. Die Volksrepublik hatte als einer der ersten ausländischen Staaten im Oktober 1949 – kurz nach der Gründung der DDR – diplomatische Beziehungen zum sozialistischen Brüderstaat aufgenommen und unter ihrem Botschaft Ji Pengfei, der später chinesischer Außenminister wurde, eine Auslandsvertretung zunächst mit Sitz in Karlshorst aufgebaut. 1973 wurde die Botschaft nach Niederschönhausen verlegt.
Grundstücksbrache Neumannstraße: Distrikt der chinesischen Botschaft
Neben dem Botschaftsgelände überließ die DDR China ein Grundstück in der Kuckhoffstraße 112 in Niederschönhausen. Die Liegenschaft war als Wohnbaufläche für Botschaftsangehörige und Bedienstete deklariert. Das reichte dem Reich der Mitte nicht: 1982 überließ die DDR dem befreundeten Kommunistenstaat auch noch das Grundstück an der Neumannstraße für den Bau von Diplomatenwohnungen. China erhielt das Nutzungsrecht – vertraglich zugesichert bis 2066.
Doch die Volksrepublik machte von der Möglichkeit der Bebauung nie Gebrauch. Lange konnte China mit seinem Pankower Grund und Boden nichts anfangen. Für eine diplomatische Residenz befand man das Grundstück als zu dezentral, außerdem liegt es in einem reinen Wohnviertel, und so blieb das Gelände eine unbebaute Brache, die von der Natur Stück für Stück erobert wurde.
Grundstücksbrache Neumannstraße: Kleingartenkolonie bis in die 1970er-Jahre
Über die Jahre entwickelte sich auf der Fläche ein einzigartiges Biotop, in welchem wilde Obstbäume, seltene Gewächse, eine Vielzahl von Vogelarten, streunende Füchse und andere Stadttiere lange Zeit ein ungestörtes Zuhause fanden. Die Fläche gehörte schon einmal zu einem Naturidyll inmitten der Stadt.
Bevor die DDR das umliegende Quartier in den 1970er-Jahren für Wohnsiedlungen mit mehrgeschossigen Plattenbauten nutzte, lagen hier seit der Jahrhundertwende Kleingartenkolonien: Im Westen die Kolonie Nordpol und die Gartengemeinschaft Naturfreunde; im Osten die Siedlungsgemeinschaft Familiengärten Pankow und auf dem späteren Botschaftsgelände seit den 1910er-Jahren die Gartengemeinschaft Abendfrieden. Die Plattenbauinitiative im Kiez bereitete den städtischen Gartenfreunden ein jähes Ende.
Grundstücksbrache Neumannstraße: Chinesisches Desinteresse nach der Wende
1989 kam es mit der Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des himmlischen Friedens auch zu Demonstrationen von DDR-Oppositionellen vor chinesischen Botschaftsgebäuden in Ostberlin, die in der Verhaftung von fünfzig Demonstranten in Niederschönhausen am 21. Juni 1989 mündete und der eine Protesterklärung von 25 Oppositionsgruppen folgte, die der chinesischen Botschaft übersandt wurde.
Die Zustimmung der SED-Spitze zum Vorgehen der chinesischen Führung in Verlautbarungen der Staatsmedien war zuvor als Einschüchterungsversuch der DDR-Opposition verstanden worden. Wenige Monate später war die DDR Geschichte und viele Staaten verließen ihre Vertretungen in Pankow.
Die chinesische Botschaft am Märkischen Ufer 54 in Berlin-MitteAls Berlin dann neue Hauptstadt wurde, setzte zwar die Gegenbewegung ein – Diplomaten aus aller Welt suchten nach neuer Unterkunft – aber die begehrtesten Grundstücke lagen nun am Brandenburger Tor und in Tiergarten. Die Chinesen ließen in den 1990er-Jahren das ehemalige FDGB-Gebäude an der Jannowitzbrücke in Mitte herrichten und bezogen dort – zentral gelegen – ihre neue Botschaft.
Seitdem bemühte sich das Bezirksamt, die Fläche an der Neumannstraße durch einen Grundstückstausch zurückzugewinnen. Der ehemalige Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) sah hier Platz für eine Schule oder ein Pflegeheim. Doch obwohl auch China an einem Tausch interessiert war, platzte das Geschäft wegen formeller Probleme. Neben Bezirk und Senat war auch das Auswärtige Amt mit seinem Referat „Immobilienmanagement Ausland“ involviert. Die Folge: Die Brache im Wohngebiet nahe des U-Bahnofs Vinetastraße blieb weiterhin kahl.
Grundstücksbrache Neumannstraße: China errichtet eine Mauer um das Gelände
Drei Meter hoch und mit Dornen besetzt: diese Grenzanlage schützt eine unbebaute Brache. © Thomas Schubert2014 signalisierte die chinesische Botschaft, dass ein Tausch für sie nicht mehr in Frage käme. China verfolgte nun wieder eigene Pläne für das Bauland – und der Bezirk und die Anwohner rätselten seitdem, wie diese genau aussehen würden.
2019 wurde mit der Einzäunung des Geländes begonnen, der seitdem allzu neugierige Blicke versperrt. Auf einem massiven Betonsockel sitzen stählerne Pfeiler: 3,20 Meter hoch und 530 Meter lang. An der Spitze befinden sich Stacheln, die offensichtlich verhindern sollen, dass Kletterer die Barriere überwinden.
Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?
Noch liegt das Grundstück im wahrsten Sinne des Wortes unberührt da. Dass hier seit 40 Jahren nichts passiert, ist nicht zu übersehen: Es zwitschert, wächst und wuchert auf dieser Brache. Doch das soll sich bald ändern.
Fest steht, dass in einem Neubau hinter der Mauer künftig Botschaftsangehörige Wohnungen und Arbeitsplätze bekommen sollen. Details zum Bauvorhaben oder einen Zeitplan gibt China nicht preis. An einer Ecke der Mauer hängt zwar der Hinweis, dass hier ein Architekturbüro aus Hamburg mit einem Projekt betraut ist. Aber zur Art und Gestaltung des Vorhabens gibt es keine Auskunft.
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