In Neukölln darf man nur mit der richtigen Moral saufen

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    Was für eine dumme Idee, nach dem dritten Drink über Politik reden zu wollen. Das geht nie gut aus. Immerhin fahren der Autor und Seine Daufbekanntschaften #Taxi und nicht #Uber. Ein Rest Verstand und common sens sind bei ihnen also noch vorhanden.

    6.12.2025 von Clint Lukas - Wo man früher sorglos trinken konnte, wird man heute von aufgeregten Menschen moralischen Kreuzverhören unterzogen. Selbst in der letzten Klitsche geht es ums große Ganze.

    Seit zwei Jahren gehe ich nur noch nach Neukölln, wenn es unbedingt sein muss. Das liegt in erster Linie an meiner Bequemlichkeit. Wie die meisten Menschen habe ich aber ein moralisches Wertesystem. Und kann es nur schwer ertragen, wenn diesem System etwas entgegengesetzt wird – zum Beispiel andere moralische Werte. Ich schätze, ich stehe mit diesem Problem nicht allein da.

    Nun kann ich mich jedoch an eine andere Zeit erinnern. Früher, sagen wir mal vor zehn Jahren, konnte man einfach mit anderen Menschen trinken gehen, ohne alle paar Minuten über ein Reizthema zu stolpern und deswegen in Streit zu geraten. War das nicht schön? Ist die Welt so viel komplizierter geworden?
    Riskiere doch mal wieder was!

    Neulich feierte eine Kollegin ihr 25-jähriges Berlin-Jubiläum und lud mich zu einer Party in einem Café im Schillerkiez ein. Mein Komfortzonen-Sensor schlug sofort Alarm. Doch dann dachte ich: Jetzt sei mal nicht so. Was ist aus dem furchtlosen Clint geworden, der sich früher in jede noch so dunkle Ecke getraut hat? Riskiere doch mal wieder was!

    Im besagten Café bestelle ich mir ein Bier und wage einen Rundumblick. An den Tischen sitzen Mütter mit Kinderwagen, außerdem das ein oder andere Pärchen. Sieht fast aus wie in Mitte. Dann gehe ich in den angrenzenden Raum, in dem die Party stattfindet. Das Publikum ist hier wesentlich bunter. Ein junger Mann, der gerade wild gestikulierend auf einen anderen einredet, sieht so aus, als käme er direkt aus einem revolutionären Wüsten-Trainingslager.

    Da meine Kollegin von ihren Gästen umringt ist, setze ich mich auf ein Sofa in der hintersten Ecke des Raumes. Erstmal die Lage sondieren, denke ich. Doch es dauert keine zwei Minuten, da werde ich in das erste Gespräch verwickelt. Die Einstiegsfrage dreht sich um mein Verhältnis zur Gastgeberin.

    „Und woher kennt ihr euch? Ach, das ist ja lustig. Bei mir ist es tatsächlich so, dass unsere Söhne in dieselbe Kita gegangen sind.“

    Auf die Art werde ich über die Lebensgeschichten von etlichen Partygästen unterrichtet. Ein kroatisches Paar, das Stress mit dem Vermieter hat. Ein Straßenpoet, der die letzten fünfzehn Jahre seiner Karriere rekapituliert. Eine ältere Dame mit einem Kerzenladen. Ein Besucher aus Hamburg mit einer ausgeprägten Vorliebe für Tee. Ich nehme an, es ist okay, dass sie mich alle so ungefragt volllabern. Das ist nun mal das Konzept einer Party. Interessant wird es erst, als eine etwa 55-jährige Poetry-Slammerin eine Anekdote zum Besten gibt.

    Politische Diskussionen im Kneipenumfeld

    „Neulich bin ich um zwei Uhr nachts über den Oranienplatz gegangen und hab dabei gesehen, wie so ein Typ ein ‚Death to the IDF‘-Plakat von einer Wand reißen wollte. Dem hab ich natürlich gesagt, dass er das lassen soll! Ist doch keine Art. Ich meine, diese Plakate sind ein Ausdruck des Protestes und man kann doch nicht einfach …“

    „Darf ich dich kurz unterbrechen?“, sage ich. „Ich will an der Stelle nur klarstellen, dass ich ein großer Fan der IDF bin.“

    „Das ist ein Scherz, oder?“, ruft sie entsetzt.

    „Nein. Wie kann man denn was gegen eine so gutaussehende Armee haben? Oder ihr gar den Tod wünschen? Du weißt schon, dass darin mehr Frauen dienen als irgendwo sonst auf der Welt? Kollidiert das nicht mit deinem Feminismus?“

    „Aber die töten Kinder! Außerdem ist es die mächtigste Armee, die es gibt. Da muss man doch aus Prinzip Widerstand leisten.“

    „Ich sehe, du bist Romantikerin.“

    Obwohl mich die Ansichten der guten Frau maximal triggern, beschließe ich, meinem guten Vorsatz dieses Tages treu zu bleiben. Wir gehören alle zur gleichen Menschheit. Über den Bieren und den zwanglosen Grundsatzdiskussionen wird es schließlich so spät, dass der Barkeeper die Sperrstunde ausruft. Ich ziehe mit dem Rest vom Schützenfest weiter. Das sind: Meine Kollegin und ich, eine Britin mit dem ruppigen Auftreten einer Suffragette, der Poetin, die es okay findet, jüdische Soldaten zu töten, sowie dem Tee-Enthusiasten. Wir landen im Bäreneck, wo sowohl die Barfrau als auch die wenigen Gäste von den Themen befremdet scheinen, mit denen wir so nonchalant in den Laden platzen.
    Die Kirche einfach im Dorf lassen

    „Also bist du für Genozid?“, kreischt mich der Tee-Lover an.

    „Ach, komm. Nun lass mal die Kirche im Dorf. Willst du ein Bier? Ich spendiere eine Runde.“

    Aber es hilft alles nichts. Kaum darf der Nahostkonflikt für einen Moment ruhen, beginnen meine nächtlichen Mitstreiter die Trans-Frage zu erörtern. Mit zusammengebissenen Zähnen und düsteren Blicks schießen sie ihre Argumente in den Äther. Ich kann irgendwann nicht mehr an mich halten.

    „Boah, können wir nicht über was Fröhliches reden? Es ist zwei Uhr früh an einem Montagmorgen. Wir sind alle besoffen. Wir haben keine Kontrolle über unser Leben. Lasst uns doch einfach mal Spaß haben.“

    Das ist zu viel für den Teetrinker. Wutentbrannt springt er auf.

    „Mir reicht’s!“, brüllt er. „Du verteidigst nicht nur den Terrorstaat Israel, jetzt willst du auch noch Frauen den Mund verbieten!“

    Nachdem er türenknallend verschwunden ist, herrscht kurz Ruhe. Dann räuspert sich die Britin und sagt: „Also das war jetzt auch nicht okay, dass er einfach so an unserer Stelle gesprochen hat.“

    Als ich mir noch einen Gin Tonic bestellen will, schüttelt die Barfrau den Kopf und weist zu meinen Begleiterinnen. Ich ahne, was sie meint. Zero Survival Skills. Man ist nun mal kein guter Gast, wenn man über die großen Zusammenhänge philosophiert, statt einfach zu saufen.

    Im Taxi Richtung Kreuzberg entspinnt sich folgender Dialog:

    „Also, ich lerne ja jetzt Arabisch.“

    „Cool“, sage ich. „Und warum? Bereitest du dich auf eine Reise vor?“

    „Äh, nein. Damit ich mich mit meinen Nachbarn hier in Berlin verständigen kann.“

    „Ach so. Sprechen die kein Deutsch, oder was?“

    „Nicht alle.“

    „Dann hilf ihnen doch, es zu lernen, indem du es mit ihnen sprichst.“

    „Wow, ganz schön übergriffig … Was lernst du denn für Sprachen?“

    „Na ja, das übliche halt. Französisch, Italienisch, keine Ahnung.“

    Wie es der Zufall will, haben wir sofort die Möglichkeit, unsere Street Credibility unter Beweis zu stellen. In einer der gesegneten Kneipen, die 24 Stunden geöffnet sind, werde ich von einem Jungen auf der Toilette gefragt, ob ich Koks haben will.

    „Nein, danke. Hab mein eigenes“, sage ich. Woraufhin sich der Junge als Ibrahim vorstellt und mir zu unserem Tisch folgt. Das macht ihn zur Zielscheibe für allerlei liberale Fragen nach seiner Herkunft, seinem Beruf, seiner Meinung zu Deutschland. Da er nur Französisch und ein paar Brocken Deutsch spricht, verstehe nur ich, dass er gelernter Glaser ist und aus Guinea kommt.

    „Sprichst du denn kein Arabisch?“, fragt die Suffragette und ist verwundert über sein Kopfschütteln. Immerhin kommt er doch von der Südhalbkugel.

    „C’était un plaisir“, sage ich zum Abschied, was mir eine spontane Umarmung von Ibrahim einbringt. Und obwohl ich mich für meine kolonialen Sprachkenntnisse schäme, bin ich froh, so lange durchgehalten zu haben. Denn selbst als Zionist muss man manchmal mit den Prätorianern des palästinensischen Widerstands um die Häuser ziehen. Die sich gleichzeitig für die Trans-Community, die Rechte der Frauen und die Hamas einsetzen dürfen. Man muss es nur wollen. Wir sitzen alle in einem Boot. In einem Boot Richtung Hölle.

    #Berlin #Israel #Palästina #Neukölln #Kreuzberg #Kneipe #Alkohol