31.7.2026 Oliver Weinlein - Bargeld in Deutschland: EU-Obergrenze ab 2027, weniger Geldautomaten, erstmals mehr bargeldlose Zahlungen. Die wichtigsten Zahlen im Überblick.
Im Juni hat die Bundesbank eine Zahl veröffentlicht, die es so noch nie gab. Erstmals wurden in Deutschland mehr Alltagszahlungen bargeldlos abgewickelt als mit Scheinen und Münzen: 55 Prozent gegen 45 Prozent.
Das Portemonnaie ist trotzdem gut gefüllt. Männer tragen im Schnitt 106 Euro mit sich herum, Frauen 90 Euro.
In diese Gemengelage fällt eine neue europäische Regel. Ab dem 10. Juli 2027 gilt für Barzahlungen im Geschäftsverkehr eine Obergrenze von 10.000 Euro.
Bargeld-Grenze 2027: Für wen die 10.000 Euro gelten
EU-Geldwäscheverordnung, der Verordnung (EU) 2024/1624. Sie greift nur dann, wenn mindestens eine Seite gewerblich handelt.
Betroffen sind Autohäuser, Juweliere, Möbelhändler, Handwerksbetriebe und Dienstleister. Wer seinen alten Golf dem Nachbarn gegen einen Umschlag mit Scheinen überlässt, fällt nicht darunter.
Auch der Besitz größerer Bargeldbeträge wird nicht angetastet. Wer 30.000 Euro im Schrank hat, darf sie behalten.
Was ab 2027 noch in bar geht – und was nicht
Der Gebrauchtwagen für 12.000 Euro beim Händler: nicht mehr in bar.
Derselbe Gebrauchtwagen vom privaten Vorbesitzer: weiterhin ohne Limit in bar möglich.
Die Handwerkerrechnung über 4.000 Euro: in bar erlaubt, aber der Betrieb muss den Ausweis sehen.
Der Wocheneinkauf, die Miete, das Restaurant, der Friseur: für den Alltag ändert sich praktisch nichts.
Ausweispflicht ab 3.000 Euro
Deutlich früher als die Obergrenze greift eine zweite Schwelle. Ab 3.000 Euro in bar müssen gewerbliche Händler die Identität ihrer Kunden feststellen und dokumentieren, also den Ausweis prüfen und die Daten festhalten.
Das Aufteilen größerer Summen ist ausdrücklich mitgeregelt. Ein Wagen für 15.000 Euro lässt sich nicht in zwei Barzahlungen zu 7.500 Euro zerlegen, wenn beide Vorgänge erkennbar zusammengehören.
Neu ist diese Logik nicht. Sorgfaltspflichten dieser Art gibt es in vielen Branchen längst, die Verordnung vereinheitlicht sie europaweit.
Warum Brüssel die Grenze durchsetzt
Offiziell geht es um Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und die Umgehung von Sanktionen. Große Bargeldsummen hinterlassen keine Spur, digitale Zahlungen schon.
Kritiker halten dem seit Jahren dasselbe entgegen: Die Grenze trifft vor allem Geschäfte, bei denen ohnehin ein Unternehmen mit Buchhaltung im Spiel ist. Die großen Verschleierungsmodelle dagegen laufen über Immobilien und verschachtelte Firmenkonstruktionen.
Was Deutschland zusätzlich plant
Die Mitgliedstaaten dürfen strenger sein. Frankreich, Belgien und Griechenland arbeiten längst mit niedrigeren nationalen Limits.
Deutschland plant nach aktuellem Stand keine schärfere Grenze. Bislang gab es hierzulande überhaupt keine allgemeine Bargeldobergrenze, die EU-Regel ist die erste ihrer Art.
Unverändert bleibt die Praxis der Banken: Wer größere Summen bar einzahlt, wird nach der Herkunft gefragt. Diese Regel ist deutlich älter als die Verordnung aus Brüssel.
Weniger Geldautomaten: Das eigentliche Bargeld-Problem
Während die Debatte um 2027 kreist, verschwindet das Bargeld längst auf anderem Weg. Die Zahl der Geldautomaten sank laut Bundesbank 2024 auf rund 49.750 Geräte und damit erstmals seit Jahrzehnten unter die Marke von 50.000. Sechs Jahre zuvor waren es etwa 59.000.
Bei den Filialen ist der Rückgang noch drastischer. Von rund 53.000 Bankstellen im Jahr 2002 blieben bis 2023 etwa 21.000 übrig. 3,6 Millionen Menschen müssen ihre Gemeinde verlassen, um bei einem Kreditinstitut an Bargeld zu kommen.
Die Deutsche Bank hat für dieses Jahr den Wegfall von rund 100 weiteren Standorten angekündigt. In Spremberg in der Lausitz, gut 20.000 Einwohner, verschwanden Medienberichten zufolge Ende Juni sämtliche Geldautomaten des Instituts, die Filiale arbeitet nur noch als Beratungsstandort.
Genau dort entscheidet sich die Zukunft des Scheins. Wer 2027 bar zahlen möchte, wird nicht an der EU-Verordnung scheitern, sondern am nächsten Automaten, den es nicht mehr gibt.