27.5.2026 von Wolfgang Hübner - Man hat schon viel von der Leser-Blatt-Bindung gehört. Aber dass jemand alle nd-Ausgaben seit 1946 besitzt? Ein Besuch in Kerpen bei Köln.
Am Bahnhof wartet Wolfgang Scholz auf den ihm unbekannten Besucher aus Berlin mit einer Zeitung unterm Arm, als Erkennungszeichen. Es hat einen Hauch von Agentenfilm. Aus seiner Armbeuge lugt das »nd« hervor. Was sonst, denn darum soll es gehen. Gut, dass die Wochenausgabe noch gedruckt wird; mit der täglichen App hätte er keine Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Wobei die Digitalisierung des »nd« Scholz gleich zweifach trifft: als Leser und als Sammler.
▻https://www.nd-aktuell.de/img/jpeg/2040/322404 Die nd-Ausgaben ab 1990 hat Wolfgang Scholz selbst quartalsweise gebunden. Foto: Wolfgang Hübner
Nachdem wir Ende April mit einem Themenschwerpunkt in der Zeitung an die Gründung des »Neuen Deutschland« vor 80 Jahren erinnert hatten, erreichte uns eine Mail: »Bin seit Jahrzehnten Abonnent der Zeitung«, hieß es darin. »In Kerpen bei Köln lebend, ist es schon was Besonderes, nd-Bezieher zu sein.« Er habe, schrieb uns der Leser, »in den 90ern die kompletten Ausgaben des ND von 1949 bis 1989 gebunden erworben« und die Zeitung weiter gesammelt. »Somit habe ich sämtliche Printausgaben zu Hause.« Unterschrift: Wolfgang Scholz.
Man hat ja schon viel von der Leser-Blatt-Bindung gehört, aber das ist ja nun der Gipfel. Was sagt man dazu? Nur eins: Das muss man sich ansehen. Was ist das für ein Mensch, der 80 Jahre Zeitungsgeschichte lückenlos in seinem Keller liegen hat? Und wie kam er überhaupt dazu?
Wolfgang Scholz – soviel erkennt man schnell, wenn man ihn besucht – ist ein Papiermensch. Überall Bücher in der Wohnung, darunter viel politische Literatur. Linke politische Literatur. Bis zum Spätherbst des letzten Jahres hat der 69-Jährige in einer Firma gearbeitet, die Gabelstapler herstellt und wo er eine zeitlang Betriebsrat war. So eine Maschine könnte er gut gebrauchen, wenn er seinen Keller mal umräumen wollte, wo Unmengen von Zeitungen wohlsortiert lagern. Scholz ist ein durch und durch politischer Mensch, seit Jahrzehnten kommunalpolitisch aktiv, bei unzähligen Straßenaktionen und Konferenzen dabei und mit einem bis heute ungebrochenen Interesse, das vom Wohnort bis zur Weltpolitik reicht.
Der Herkunftsnachweis: Die ND-Ausgaben von 1946 bis 1989 stammen aus den Beständen des Berliner Dietz-Verlags, die 1990 verkauft wurden. Foto: Wolfgang HübnerEr kennt es nicht anders seit seiner Kindheit. Seine Eltern hielten die Lokalzeitung, um auf dem Laufenden zu sein. Wenn er bei der Oma war, die eher sozialdemokratische Ansichten hatte, musste bei den Radionachrichten zur vollen Stunde Ruhe herrschen. Scholz’ Jugendjahre waren bewegte Zeiten: Studentenbewegung, politischer Aufbruch, Gründung der DKP als faktische Wiederzulassung der KPD, Willy Brandts Kanzlerschaft.
Die erste Zeitung, die Scholz bewusst und regelmäßig las, war das antifaschistische Blatt »Die Tat«, ein Geschenkabo eines VVN-Mitglieds. Dann kam »Unsere Zeit« (UZ) hinzu, das Blatt der DKP. In der Gewerbeschule diskutierte er im Religionsunterricht gern mit dem Lehrer. »Das hat die anderen Schüler gefreut, denn die hatten so lange ihre Ruhe.« Scholz studierte Grafikdesign, war in linken Studentengruppen aktiv, im Marxistischen Studentenbund Spartakus. Bald wurde er Mitglied der DKP. Wenn die Familie einen Onkel in Naumburg in der DDR besuchte, sah Scholz dort ND-Stapel liegen. Das war sein erster Kontakt mit dieser Zeitung.
Dass daraus später mehr wurde, lag an seinem Wissensdurst zum Thema DDR. Er wollte mehr über das sozialistische Nachbarland wissen, als in den Medien der Bundesrepublik zu erfahren war. Also bestellte er in der zweiten Hälfte der 80er Jahre das »Neue Deutschland«. Über einen Zeitungsvertrieb kam einmal in der Woche ein dicker Brief an, mit den Exemplaren der letzten sieben Tage. Ihn interessierten Berichte über innenpolitische und soziale Fragen der DDR, zunehmend auch die Auseinandersetzung um Gorbatschows Kurs von Glasnost und Perestroika. Der war nicht nur in der DKP, sondern auch in der SED umstritten und offiziell verpönt. Deshalb las Scholz auch noch eine deutsche Auslandsausgabe der sowjetischen »Prawda«, die von einem Verein in Österreich herausgegeben wurde. Und – weil ihn linke Außenpolitik interessierte – die außenpolitische Zeitschrift »Horizont« aus der DDR.
Vieles davon hat er archiviert und aufbewahrt. In einem früheren Job arbeitete er in einer Druckerei und lernte dort, wie man Bücher und auch Zeitungsbände bindet. Nach der Wende in der DDR und der deutschen Vereinigung 1990 blieb das »ND« für ihn interessant, wegen der Veränderungen in Ostdeutschland, wegen der Opposition zur herrschenden Vereinigungspolitik und wegen der damaligen Debatte über eine neue gesamtdeutsche Verfassung. Und natürlich auch, weil ihn die Aufarbeitung des gescheiterten Staatssozialismus in Osteuropa interessierte. Bis heute liest er Neuerscheinungen zu dem weitgespannten Thema.
Wenn die Familie einen Onkel in Naumburg in der DDR besuchte, sah Scholz dort ND-Stapel liegen. Das war sein erster Kontakt mit dieser Zeitung.
Einmal, 1992, entdeckte er, wahrscheinlich in der »UZ«, die Anzeige eines linken Antiquars aus Heidelberg, der unter anderem Bücher aus DDR-Verlagen anbot. Scholz setzte sich ins Auto und fuhr zum Antiquariat Stefan Schöbel. Er kam mit dem Inhaber ins Gespräch, und irgendwann sagte Schöbel zu Scholz: »Kommen Sie mal mit, ich habe da vielleicht noch etwas Interessantes für Sie.« Er führte ihn in einen Raum, in dem ein Berg von Zeitungsbänden lagerte: sämtliche Ausgaben des »Neuen Deutschland«, monatlich gebunden, von der Gründung der Zeitung im April 1946 bis Ende 1989. Ob ihn das interessiere?
Jeder andere hätte vermutlich dankend abgelehnt. Um Wolfgang Scholz aber war es geschehen. Er griff zu. Ob er lange überlegt hat? »Manchmal muss man sich sofort entscheiden«, sagt er. Was zur Folge hatte, dass er den Kaufpreis von 3800 DM in Raten abzahlte und noch zweimal nach Heidelberg fahren musste, um die raumgreifende Neuerwerbung nach Hause zu bringen.
Wie aber kamen die ND-Bände nach Heidelberg? In etlichen dieser Bände findet sich ein Stempel: »Dietz-Verlag Berlin, Wallstraße 76-79, Bibliothek«. In dem Haus in der Wallstraße in Berlin-Mitte, an einem Nebenarm der Spree, saß vor dem Verlag bis 1949 der SED-Parteivorstand; heute befindet sich dort die australische Botschaft. Der Dietz-Verlag, wie das »ND« 1946 gegründet, war der wichtigste Verlag der SED, bekannt geworden unter anderem durch diverse Ausgaben der Werke von Marx, Engels und Lenin. Sein heutiger Nachfolger heißt aus rechtlichen Gründen Karl-Dietz-Verlag und residiert im gleichen Gebäude wie das »nd«, nahe dem Berliner Ostbahnhof.
Verlagschef Martin Beck ist seit zehn Jahren dabei, kann zu den Vorgängen während der Wendezeit nichts sagen, verweist aber an den Historiker Jörn Schütrumpf, der vor ihm lange den Verlag leitete. Der hatte schon Anfang der 90er mit Dietz zu tun und erinnert sich, dass der Verlag zu DDR-Zeiten über eine große Bibliothek verfügte, zu der offenbar auch die gesammelten ND-Bände gehörten. 1990 verkaufte ein neu eingesetzter Geschäftsführer den gesamten Bestand »an einen Antiquar aus dem Westen«, so Schütrumpf, der sich gerade noch so ein paar für ihn interessante Exemplare sichern konnte. 50 000 DM seien damals über den Tisch gegangen.
Dieser Antiquar war Stefan Schöbel aus Heidelberg. Wir können ihn nicht mehr fragen, er ist vor ein paar Jahren gestorben. Laut einem Zeitungsporträt über ihn verstand er sich zeitlebens als Kommunist, auch nach seinem Austritt aus der DKP Ende der 80er Jahre, offenbar in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Gorbatschows Perestroika-Politik und eine Erneuerung der Partei. Schöbel war als Buchhändler und -herausgeber in der Studentenstadt Heidelberg eine Institution. Sein Antiquariat firmiert heute unter dem Namen Buchhandlung & Antiquariat Blaumilch, wird von Schöbels einstigem Mitarbeiter Markus Bitterolf geführt und weist bei aller Breite des Angebots nach wie vor ein erkennbar linkes Profil auf.
Anruf bei Markus Bitterolf in Heidelberg. Ja, er erinnert sich an die Geschichte, Stefan Schöbel habe öfter davon erzählt. Der habe 1990 beim Dietz-Verlag zugegriffen, weil er darauf setzte, dass die Werke von Marx, Engels und anderen irgendwann wieder für eine größere Leserschaft interessant würden, dass also das angebliche Ende der Geschichte 1990 doch kein Ende wäre. Er sollte Recht behalten, wie die Kette von Krisen in den letzten 35 Jahren zeigt. Wahrscheinlich, so Bitterolf, hat er noch heute einige Bände aus dem damaligen Dietz-Bestand in seinen Regalen.
War Stefan Schöbel also nicht nur Geschäftsmann, sondern auch einer jener Menschen, die sich der Vernichtung von DDR-Literatur entgegenstellten? Es sieht so aus. Ab 1990 wurden Bücher aus Bibliotheken, Buchhandlungen, Verlagen und anderen Einrichtungen in Ostdeutschland tonnenweise im Müll entsorgt. Darunter viele druckfrische Exemplare, die als nicht mehr verkäuflich galten. Aber es gab Widerstand dagegen. Der Pfarrer Martin Weskott aus Niedersachsen etwa, bekannt geworden als Bücherpastor, und der Schauspieler Peter Sodann aus Halle retteten Zehntausende solcher Bücher für eine interessierte Leserschaft. Und auch Stefan Schöbel hat damals unter anderem an ostdeutschen Universitäten und Hochschulen aussortierte Bücher aufgekauft und damit bewahrt, weiß Markus Bitterolf.
Wolfgang Scholz ist nd-Leser geblieben. Und nd-Sammler. Weil er das Handwerk beherrscht, hat er die ND-Ausgaben ab 1990 selbst gebunden, quartalsweise. Bis 2019. Seitdem verwahrt er die Zeitungen in großen Kartons. Die Sammlung wächst langsamer, seit nur noch »nd.DieWoche« als Printausgabe erscheint. Von der Digitalisierung der nd-Tagesausgaben ist Scholz nicht begeistert, er kommt aber nach und nach besser damit zurecht.
Unten im Zeitungskeller reflektiert Scholz die Geschichte, oben in der Wohnung denkt er über aktuelle Fragen nach. Eine spezielle Variante von Basis und Überbau.
Immerhin kann er in seinem einstigen Kohlenkeller ein publizistisches und politisches Zeitalter besichtigen. Er hat sich dort eine Leseecke eingerichtet, mit Tisch und Ledersessel. Keine Spur von Feuchtigkeit ist zu bemerken. Der Raum ist gut belüftet, und Scholz hat einen neuen Fußbodenbelag verlegt, bevor hier seine extravagante Sammlung ihren Platz fand. Sie ist bestens erhalten und, soweit es Stichproben ergeben, insgesamt in besserem Zustand als manche Zeitungsbände in der nd-Redaktion. Was nicht nur mit der sachgemäßen Lagerung zu tun haben dürfte, sondern auch damit, dass die Bände aus dem Dietz-Verlag im Laufe der Jahrzehnte wohl weitaus seltener strapaziert wurden.
Hier unten schlägt Scholz gern mal nach, wenn ihn historische Zusammenhänge und Hintergründe interessieren. Was freilich nicht bedeutet, dass er sich in der Vergangenheit vergräbt. Er war zwei Wahlperioden lang sachkundiger Bürger im Bauausschuss seiner Stadt; bis heute arbeitet er als einer der Sprecher des DKP-Kreisverbands Rur-Erft gern und gut mit Leuten von der Linkspartei zusammen. Unten im Keller reflektiert Scholz die Geschichte, oben in der Wohnung denkt er über aktuelle Fragen nach. Eine spezielle Variante von Basis und Überbau.
Kurz vor unserem Treffen in Kerpen erreichte uns ein kleiner Notruf. Ihm sei eine nd-Ausgabe abhandengekommen, schrieb Wolfgang Scholz, ausgerechnet jene zum 80. Geburtstag der Zeitung. Die nd-Redaktion konnte helfen, die Sammlung in Scholz’ Keller ist wieder vollständig. Wohin damit irgendwann? Die Frage bewegt ihn, sagt er, aber er hat noch keine Antwort gefunden. Vielleicht kann ihm auf diesem Weg geholfen werden.